Zugausfall in Chennai

Mit zwei kurzen, ziemlich harmlosen Partien beginnt die Schach-WM, beide enden remis

Alle, die sich von Herausforderer Magnus Carlsen wilde Angriffe auf Weltmeister Vishwanathan Anand gewünscht hatten, wurden enttäuscht. Es gab zwei rasche Remis. Beide Spieler gelobten Besserung.

Wenn Viswanathan Anand und Magnus Carlsen morgen im indischen Chennai die dritte WM-Partie austragen, beginnt ihr Duell um die Schachkrone beim Stand von 1:1 praktisch neu. Denn die ersten beiden Spiele am Wochenende waren nicht nur schnell vorbei, sondern endeten auch ziemlich unspektakulär mit Remis.

Der indische Titelverteidiger hatte im Auftaktspiel mit Schwarz keine Mühe, seine Stellung gegen den jungen Herausforderer auszugleichen. Im Gegenteil, seine Figuren standen sogar aktiver als die von Carlsen. Der Weltranglisten-Erste aus Norwegen hatte eine viel zu harmlose Eröffnung gewählt, um den Champion irgendwie in Verlegenheit zu bringen. Schon nach 16 Zügen musste Carlsen in die Punkteteilung einwilligen, wollte er nicht in Nachteil geraten. Eine kleine Enttäuschung für die Fans des Herausforderers, der in dem Match als Favorit gilt und einen großen Kampf versprochen hatte.

Anand konnte das Ergebnis der ersten Partie als psychologischen Erfolg verbuchen, denn er hatte seinem Widersacher jede Chance genommen, den Vorteil der weißen Steine zu nutzen. Gestern nun hatte der Inder Aufschlag und seinerseits die Möglichkeit, den 22-jährigen Norweger zu attackieren. Anand zog am Anfang seinen Königsbauern, und Carlsen wählte die Caro-Kann-Verteidigung, die er noch nie gegen den Inder gespielt hat. Nachdem aber die Damen getauscht waren, entstand ein völlig ausgeglichenes Endspiel, so dass sich beide Kontrahenten im 25. Zug auf Remis einigten. Hinterher fragte man sich, warum der Weltmeister keine schärfere Variante gewählt und Carlsen nicht mehr zugesetzt hatte.

»Die nächsten Spiele werden besser und interessanter« versprach der Champion nach der zweiten Partie. Carlsen stimmte ihm zu. Bislang agierten beide Figurenkünstler vorsichtig wie zwei Boxer, die sich in den ersten Runden noch abtasten. Jeder will gut ins Match hineinfinden und keiner in einen frühen Rückstand geraten. Der Druck, der auf beiden lastet, ist entsprechend hoch.

Indien gilt als Mutterland des Schachs. Von dort nahm das ehrwürdige Spiel seinen Weg über den Globus, bis es im Mittelalter auch nach Europa kam. Längst gehört es zum Weltkulturerbe und ist zugleich ein angesehener Sport. Schachweltmeister gehören zu den prominentesten Persönlichkeiten, sie werden ähnlich bewundert wie die Champions im Schwergewichtsboxen oder in der Formel 1.

Viswanathan Anand spielt erstmalig in seiner Heimatstadt um die Schachkrone, er wurde am 11. Dezember 1969 in Chennai (früher Madras) geboren. Ganz Indien erwartet von seinem Nationalhelden, der schon mehrfach Sportler des Jahres war, nur dies: den sechsten WM-Titel. Magnus Carlsen kam am 30. November 1990 im norwegischen Tonsberg zur Welt. Ein Ort, den nicht unbedingt jeder kennt. Doch gewinnt der junge Großmeister auf Anhieb den WM-Titel, würde die kleine Stadt im Süden des skandinavischen Landes mit einem Schlag in den Focus der internationalen Öffentlichkeit rücken.

Am heutigen Ruhetag werden die beiden WM-Finalisten gemeinsam mit ihren Sekundanten-Teams neue Züge und Varianten ausbrüten, mit denen man den Gegner überraschen kann. Noch sind in Chennai zehn Partien zu spielen, in denen eine Menge passieren kann. Schach ist ein Geduldsspiel. Und Geduld brauchen nicht nur die beiden Protagonisten für den ersten Sieg, sondern auch die Schachfans, die ihr Idol siegen sehen wollen.

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