Kulturelle Konfliktlinien

Die Linkspartei und Sankt-Martin-Umzüge, Berliner Volkshochschule und Akt-Bilder, Muslime und Integration

Im Berliner Bezirk Marzahn-Hellersdorf fand - je nach Lesart - ein Anschlag auf die Kunstfreiheit oder ein fürsorglicher Akt »interkultureller Sensibilität« statt. Letzteres behauptet zumindest die örtliche Volkshochschule (VHS), die sechs weibliche Akt-Gemälde aus einer Ausstellung entfernte und erst nach Protesten erklärte, sie wieder aufhängen zu wollen.

Vordergründig geht es bei der Bilderstürmerei um die von der VHS-Leitung behaupteten Gefühle von Muslimen, die auf dem Weg zum Seminarraum, in dem Integrationskurse abgehalten werden, an den Bildern hätten vorbeigehen müssen. Sechs von insgesamt 50 Gemälden der Malerin Susanne Schüffel waren von der Abhängaktion betroffen.

Der fürsorgliche Akt gegen den Akt ist allerdings ein Akt von Paternalismus: Von den - möglicherweise - Betroffenen hat sich nach derzeitiger Informationslage nämlich bislang noch niemand beschwert. Die Muslime hatten auch keinen Anlass, sich zu empören: Zum einen, weil es sich bei den Teilnehmern der Kurse um syrische Flüchtlinge handelt, die im Bezirk untergebracht sind, viele davon verfolgte Christen, zum anderen haben die Kurse noch gar nicht begonnen. Die VHS in Marzahn-Hellersdorf hat also nach der Devise gehandelt: Es könnte ja sein, dass es sein könnte, dass ...

Der Berliner Fall hält die Erinnerung an einen anderen Vorgang von Kulturvergessenheit wach. In Nordrhein-Westfahlen hat der dortige Sprecher der Linkspartei, Rüdiger Sagel, unlängst dafür plädiert, Umzüge zum Gedenken an Sankt Martin aus Rücksicht auf die religiösen Gefühle von Muslimen in »Sonne, Mond und Sterne-Feier« umzubenennen. Mittlerweile ist Sagel zurückgerudert und begründet dies damit, dass der Bischof von Tours, der die authentische Vorlage für die Figur des heiligen Martin lieferte, heute ein Linker wäre.

Mal abgesehen von dem naheliegenden Spott, dass nach dieser Interpretation Spartacus heute Mitglied der antikapitalistischen Plattform und Geschäftsführer der Linkspartei wäre, drängen sich hier auch ernsthafte Fragen auf. Sind die beiden Vorgänge Akte einer liebedienerischen politischen Korrektheit oder Ausdruck kultureller Sensibilität gegenüber Angehörigen von Minderheiten?

Beide Fragen lassen sich mit Ja beantworten. Es gibt gute Gründe für die Mehrheit in einer Gesellschaft, Rücksicht auf Minderheiten zu nehmen - auch präventiv. Nach dem teilweise hasserfüllten Empfang, dem die Flüchtlinge in Marzahn-Hellersdorf ausgesetzt waren, ist die Reaktion der VHS-Leitung diesbezüglich sogar nachvollziehbar. Auch der Linkspolitiker Sagel hatte mit seiner Umbenennungsidee vermutlich im Sinn, Grenzen zwischen den Kulturen abzubauen und den guten Willen der Mehrheit gegenüber einer Minderheit zu demonstrieren.

Die Abschaffung bzw. Umbenennung eines christlich tradierten Festes oder das Abhängen von Akt-Bildern sind trotzdem die falsche Antwort. Man lässt dabei außer Acht, dass Einwanderung immer mit Konflikten zwischen der Aufnahmegesellschaft und der Einwandererkultur verbunden ist, die ausgetragen werden müssen. Integration funktioniert nur über Konfrontation mit der jeweils anderen Kultur.

Das Problem, das hinter den beiden Akten kultureller Selbstbeschneidung deutlich wird, ist, dass es von vielen nicht als Selbstbeschränkung empfunden wird. In der globalisierten Welt lösen sich kulturelle Grenzen auf, die viel geschmähte Kulturindustrie nivelliert Identitätsunterschiede. Die autoritäre Gesellschaft, in der Moralvorstellungen unhinterfragt gelten, gibt es nicht mehr. An ihre Stelle ist die Notwendigkeit permanenter Selbsthinterfragung des Einzelnen getreten. Ist ein christlicher Heiliger in einer säkularisierten Welt noch zeitgemäß? Ist das Abhängen von Nackt-Gemälden in einem Gebäude angesichts der Tatsache, dass wir in einer Medienkultur leben, in der sich die Warenprodukte am erfolgreichsten mit der Zurschaustellung aufreizender weiblicher Nacktheit verkaufen lassen, Zensur oder doch nur eine provinzielle Marginalie?

Es gab eine Zeit, in der bei solchen Fragen Gewissheit herrschte. Moralische Grenzen wurden von höheren Autoritäten - den Eltern, der Kirche, der Schule, den Politikern etc. pp. - bestimmt. Ihre Selbstgewissheit bezogen die Autoritäten aus den Ritualen, die meist religiös begründet wurden.

Auch das hat sich geändert. Grenzüberschreitungen vor allem sexueller Art sind längst kein Tabu mehr, sie finden alltäglich statt, und das Internet ist ihr bevorzugtes Medium. Das wirkt auf viele verunsichernd. Dass Bilder aus öffentlichen Gebäuden entfernt werden, weil sie Anstoß erregen, ist ja nicht neu. Neu ist nur, dass dies in einem präventiven Akt geschieht und in Erwartung, jemand könnte Anstoß an dem Gezeigten nehmen. Die Unsicherheit, selbst nicht zu wissen, warum beispielsweise die offene Darstellung von Weiblichkeit toleriert werden muss, wird auf angebliche oder tatsächliche Vorbehalte von Minderheiten projiziert.

Kulturlosigkeit herrscht aber selbst dort, wo keine Minderheiten zu ihrer Begründung vorgeschoben werden. In Berlin wird beispielsweise von manchen Kindergärten ein Sankt-Martin-Umzug viele Tage nach dem 11. November organisiert - manchmal auch im Dezember wiederholt, weil die Kinder so viel Spaß beim ersten Laternenumzug hatten. Und Faschingsfeiern mit Kostümierung gibt es in diesen Einrichtungen auch nach Aschermittwoch. Von da ist es nicht mehr weit zur Überlegung, dem Laternenumzug zu Sankt Martin einen Allerweltsnamen zu verpassen. Nichts gegen eine »Sonne, Mond und Sterne-Feier«, als Ersatz für Sankt Martin taugt ein solches Fest aber nicht.

Wer aber die Traditionen, die hinter kulturellen Ereignissen wie dem Fest des heiligen Martin stehen, ignoriert bzw. sich anmaßt, willkürlich über die Freiheit der Kunst zu entscheiden, ignoriert das Fundament seiner eigenen Kultur. Das ist keine gute Basis für Integration und interkulturellen Dialog.

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