Bremens Baumpracht bröckelt

Die grüne Hansestadt hat ein ernstes Pflegedefizit

  • Von Alice Bachmann, Bremen
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist was faul im Zweitstädtestaat Bremen! Und zwar sind es die Straßenbäume, jedenfalls einige von ihnen, die vor sich hin faulen und so zur öffentlichen Gefahr werden. Als unlängst eine 15 Meter hohe Buche mit einem Stammdurchmesser von über einem Meter umfiel, begrub sie ein Auto samt Fahrerin unter sich. Das löste einen Großeinsatz der Feuerwehr aus und einen Schlagabtausch zwischen der linken Bremer Opposition und dem grünen Umweltsenator Joachim Lohse.

Laut Feuerwehr-Pressestelle wurden drei Feuerwachen mit entsprechender Ausrüstung sowie der Rettungsdienst zur Einsatzstelle beordert, nachdem der Notruf der unter einem Baum eingeschlossenen Frau kam. Zum Glück fanden die Rettungskräfte dort »nur« eine leicht verletzte Autofahrerin, die ihren Wagen jedoch nicht verlassen konnte, weil die umgestürzte Buche ihn blockierte. Erst nach dem Einsatz von Kettensägen konnte die Verletzte aus dem Auto geborgen und in ein Krankenhaus gebracht werden.

Am Tag drauf meldete sich Klaus-Rainer Rupp von der LINKEN-Fraktion. Er wies darauf hin, dass die LINKE bereits im Frühjahr in der Bremischen Bürgerschaft mit einem Antrag gescheitert war, in dem die rot-grüne Regierung aufgefordert wurde, das Kürzungskonzept im Umweltressort zu überdenken. Laut Rupp gehört zu den Ressort-Kernaufgaben die regelmäßige Kontrolle, Pflege und Nachpflanzung der Straßenbäume Bremens. Laut Rupp sind das immerhin rund 70 000. Weiter rügte er: Da die regelmäßigen Nachpflanzungen eingeschränkt werden sollen, würden pro Jahr etwa 1400 Bäume weniger an Bremens Straßen für Schatten und bessere Luft sorgen. Tatsächlich sind die Bäume eines der Bremer Wahrzeichen, denn die Stadt gilt nicht nur politisch als äußerst grün.

Prompt konterte die aus München zugewanderte grüne Umweltstaatsrätin Gabriele Friderich mit einer Pressemitteilung. Diese trägt die fast schon selbstironisch zu nennende Überschrift: Verkehrssicherheit geht vor. Darin erläutert Friderich, dass die Bremer Straßenbäume unter typischen Stadt-Stressfaktoren litten und deshalb regelmäßig kontrolliert und »repariert«, will sagen gärtnerisch gepflegt werden müssten. Da viele Bäume alt seien, gebe es einen Pflegestau, der dringend behoben werden müsse und bis Ende 2014 zusätzliche Kosten von rund anderthalb Millionen Euro verursache. Weshalb bis dahin nicht auch noch Neuanpflanzungen finanziert werden könnten.

Angesichts dessen muss nun eine in der Hansestadt seit Jahrhunderten praktizierte Lösung her, nämlich die private Finanzierung von Bäumen. Jedenfalls handelte der aus Kassel zugewanderte Umweltsenator Lohse typisch bremisch, indem er flugs erklären ließ, es werde ein Baumpatenschaftsprogramm entwickelt.

Umgehend wurde mit der Erlös-Verkündung der Bremer Bürgerpark-Tombola durch die Senatskanzlei die Baum-Tradition untermauert. Der 200 Hektar große, zentral gelegene und 146 Jahre alte Bürgerpark wird seit seiner Entstehung zum größten Teil privat finanziert. Der Hauptanteil des Erlöses der jährlich durchgeführten Tombola - in diesem Jahr 238 000 Euro - geht an den Bürgerpark und deckt etwa ein Zehntel der Kosten der Parkunterhaltung. Indessen warnt Rupp vor der Gefahr, dass ein Baum auf einem auf einem Schulhof umstützt - und vor dem folgenden Erklärungsnotstand seitens des Senats, da das Baumpflege-Defizit ja nun hinlänglich bekannt sei.

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