Wie passt Beten wohl zum Töten?

Kölner Friedensfreunde protestieren gegen den katholische Soldatengottesdienst

Es ist kurz nach halb neun morgens, auf dem Platz vor dem Kölner Dom sammeln sich Soldaten in Uniform. Auf den Treppen vor dem Zugang zum Haupteingang steht neben Polizisten ein Mann mit einem schwarzen Plakat in Kreuzform. »Wie passt Beten wohl zum Töten?« steht darauf. Ein Polizist geht auf den Mann mit dem grauen Bart zu. In fünf bis zehn Minuten müsse der Mann gehen, sagt er und weist auf das Plakat. »Diejenigen, die gleich ihre Religion ausüben wollen, fühlen sich nicht so gut, wenn sie das lesen«, erklärt er. Wenig später fassen zwei Polizisten den Mann unter und führen ihn weg.

Im Kölner Dom findet am Donnerstag der katholische Soldatengottesdienst statt, der seit 1977 zu Jahresbeginn in der rheinischen Metropole gefeiert wird. Mehr als 1000 Soldaten und Soldatinnen aus rheinischen Seelsorgebezirken sowie Angehörige ausländischer Streitkräfte sind gekommen, um die Predigt »Geschwisterlichkeit: Grundlage und Weg für den Frieden« des Kölner Kardinals Joachim Meisner zu hören. Die Bundesregierung ist durch die Staatssekretäre des Bundesverteidigungsministeriums vertreten. Die – evangelische – Bundesverteidigungsministerin Ursula van der Leyen ist nicht dabei.

Bei Kölner Friedensfreunden hat die Demonstration gegen die sakral-militärische Veranstaltung Tradition. Aufgerufen dazu haben Initiativen wie Friedensforum, »Bundeswehr wegtreten« und die Freidenker. Die Anti-Militaristen sammeln sich an der Südseite des Domes. »Wir dürfen vor dem Gottesdienst keine Flugblätter an die Soldaten verteilen«, sagt Rainer Schmidt, der die Aktion angemeldet hat. »Schon der Weg zum Gottesdienst gilt als religiöse Handlung.« Deshalb müssen die Demonstranten außer Sichtweite bleiben. »Deutschland führt Krieg« steht auf einem Plakat. Ein anderes erinnert an einen Satz Meisners aus dem Soldatengottesdienst von 1996. »In betenden Händen ist die Waffe vor Missbrauch sicher«, hat Meisner damals gesagt.

»Die Auflagen werden immer restriktiver«, sagt Hanna Jaskoski, die zu der Kölner Gruppe der Friedensinitiative »Frauen in schwarz« gehört. Von den rund 50 Demonstranten sind viele wie die 79-Jährige seit Jahren bei den Protesten gegen die Soldatengottesdienste. »Früher konnten wir noch mit den Soldaten reden«, berichtet sie. Einmal hat sie sogar Kardinal Meisner angesprochen – der sie daraufhin gesegnet hat. An diesem Morgen hat ein Dutzend junger Leute vergeblich versucht, die Anfahrt des Kardinals zu blockieren, dazu gehörte der 23-jährige Peter. »Die Kirche ist eine Institution mit viel Macht, die meint, sie könnte anderen die Legitimation erteilen, zu töten«, kritisiert er. »Es schafft Akzeptanz, wenn die Kirche als moralische Institution Krieg zur Friedensmission erklärt.«

In den Dom dringen Trillerpfeifen und Rufe der Friedensfreunde nicht vor. Dort predigt Kardinal Meiser von Offenheit, der Kraft der Begegnung und Einfachheit. Doch die Botschaft der Demonstranten erreicht ihn durchaus. Als er und die Soldaten nach Anderhalbstunden den Dom durch den Haupteingang verlassen, schallen »Mörder, Mörder«-Rufe über den Platz. »Ja,ja, die kennen wir doch«, sagt Meisner zu seinen Begleitern. »Gehen wir schnell weiter.«

Die wichtigen Militärs sind jetzt zu einem noblen Empfang im Maternus-Haus in der Nähe eingeladen. Die Fußvolk-Soldaten bekommen auf dem Platz auf der anderen Seite des Doms eine Mahlzeit aus der Gulaschkanone. Sie müssen an den Demonstranten vorbei, die anklagend Schilder mit Namen der bei dem Bombardement in Kunduz im September 2009 getöteten 142 Menschen hochhalten.

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