Vom Terminator lernen ...

Mit der Google-Brille durch die Pforten der Wahrnehmung

Perzeption, das ist das Zusammenspiel des Sehens mit vorgefertigten, unbewussten Vorstellungsbildern, aus denen sich ein komplexes Informationsbild zusammensetzt. Also aus Erfahrung, dem unmittelbar Wahrgenommenen und dem, was wir für Vernunft halten. Die Perzeption bringt die Verhaltensmuster und Bewertungsstrategien hervor, nach denen wir handeln.

So kann es zum Beispiel sein, dass ich einen Hund erblicke und keine Angst vor dem hüfthohen Vierbeiner empfinde, weil ich selbst in der Kindheit einen Hund aufgezogen habe. Ich weiß um die Bewegungen der Rute und erblicke in dem Tier ein liebenswürdiges Geschöpf, dem ich das Köpfchen tätschle. Eine negative Erfahrung zugrunde gelegt, erblickt ein anderer in dem Hund eher eine blutrünstige Bestie, gerät über freundliches Gebell in Panik und ergreift die Flucht.

Hätte dieser jetzt aber die Google-Brille auf, könnte er sich auf die georteten Signale einer digitalen Hundemarke verlassen. Auf dem Glas der interaktiven Brille erschiene: »Keine Tollwut. Stubenrein. Freundliches Gemüt. Name des Halters.« - In der zukünftigen Wirklichkeit keine Garantie, aber wohl eine Möglichkeit, die Wahrnehmung mit Informationen so aufzufüllen, dass das Verhalten sich danach richten kann.

»Augmented view« heißt diese Art des Sehens. Es wird durch zusätzliche Informationen getunt. Bekannt aus Fußballübertragungen, in denen Entfernungen, Schusswinkel, Spielerhistorie und Sponsoren in das Bild eingeblendet werden. Mit dieser Technik des Sehens muss man also die eigene Fußballexpertise nicht weiter bemühen. Getrost kann man das eigene Urteil an das Medium weiter delegieren.

Ich reise in Gedanken in das Jahr Eins nach der Einführung der Super-Brille in die Produktpalette der Elektronik-Discounter. Weil ich nicht blöd sein will, fahre ich zum Elektro-Multi-Maxi und kaufe mir das interaktive Supernasenfahrrad. Der Test: Die Brille erkennt bereits in der U-Bahn die Traumfrau! Eine App hat ermittelt, dass die Dame meinem persönlichen Schönheitsideal zu 97 Prozent entspricht. Ich schicke ihr augenzwinkernd eine Freundschaftsanfrage. Sie blinzelt zurück: Akzeptiert! Sofort weiß ich Bescheid über ihren Beziehungsstatus: Ledig. Interessanter Lebenslauf. Isst gern italienisch. Ihre Vorlieben jedweder Art sagen mir zu. Ich schicke ihr eine Datinganfrage. Sie bestätigt. Am Emoticon neben ihrem Gesicht erkenne ich, dass sie sich freut.

Wir treffen uns am Abend beim Italiener. Natürlich ohne Brille. Doch leider ist die Wirklichkeit ganz anders, als erwartet. Das Datingprofil sagte 99 Prozent Übereinstimmung voraus. Doch dieses kapriziöse Hochziehen der linken Augenbraue erinnert mich an meine Ex: Nein, danke! Auch sie findet mich nach kurzer Zeit »total nervig«. So hat sie mich jedenfalls auf Google-People (einer neuen Funktion von Google-Maps) nach dem Treffen markiert. Seither kann jeder - dank der Gesichtserkennung - schon von Weitem sehen: Da kommt dieser total nervige Typ, mit der eingeknickten Dating-Kurve!

Schauderhaft der Gedanke: Die Menschen geben in der Zukunft ihr Urteilsvermögen an Maschinen ab. Das Unbewusste, das Unausgesprochene, all die Magie der Perzeption geht verloren. Und wo wären wir in der Liebe, wären wir nicht zur Illusion fähig, dass auch kleine Makel total süß sein können. Statt der rosaroten Brille der Verliebtheit nun der desillusionierende Röntgen-Blick.

Mit Max Webers Gedanken zur »Entzauberung der Welt« könnte man die Rationalisierung, die dem erweiterten Sehen innewohnt, weniger als Gewinn an Erkenntnis über die eigenen Lebensbedingungen beurteilen. Der Glauben an ein täuschungsloses Leben, in dem der Mensch durch Zugriff auf jederzeit verfügbare Information das Schicksal überlistet, baut auf einen Machtgewinn, wo keiner ist. Ein Leben ohne Illusion gerät schnell selbst zur Täuschung über das Vermögen technisierter Vernunft.

Ist »augmented view« wirklich eine Erweiterung der Perzeption? Im Gegensatz zur Einnahme von psychogenen Substanzen wird die Wahrnehmung durch die Google-Brille nicht entgrenzt. Im Gegenteil, engt es die Perzeption ein und verschlankt das durch Automatisierung obsolet gewordene Bewusstsein zum Knochengerippe. Vielleicht ein wesentlicher Unterschied zwischen der Google- und der Beat-Generation.

Aldous Huxley formulierte nach der Einnahme von Meskalin in »Die Pforten der Wahrnehmung« unter Bezug auf Henri Bergson vernunftkritisch, »dass nämlich die Funktionen des Gehirns, des Nervensystems und der Sinnesorgane hauptsächlich eliminierend arbeiten und keineswegs produktiv« seien. Aufgabe des Gehirns sei es, uns davor zu schützen, von der Menge an »unnützem und belanglosem Wissen überwältigt und verwirrt zu werden«. Huxley warnt davor, diese eingeengte Realität mit der tatsächlichen Welt zu verwechseln.

Erinnern wir uns an das Schicksal des Terminators. Er war bereits 1991 mit dem erweiterten Sehen ausgestattet. Und doch wurde der lernende Cyborg mit der Unzulänglichkeit seiner Erkennungstechnik konfrontiert. Der Unmöglichkeit seiner Menschwerdung gewahr werdend, beschloss der Roboter im Schwarzenegger-Gewand, sich verschrotten zu lassen. Vom Terminator können wir lernen!

nd Journalismus von links lebt vom Engagement seiner Leser*innen

Wir haben uns angesichts der Erfahrungen der Corona-Pandemie entschieden, unseren Journalismus auf unserer Webseite dauerhaft frei zugänglich und damit für jede*n Interessierte*n verfügbar zu machen.

Wie bei unseren Print- und epaper-Ausgaben steckt in jedem veröffentlichten Artikel unsere Arbeit als Autor*in, Redakteur*in, Techniker*in oder Verlagsmitarbeiter*in. Sie macht diesen Journalismus erst möglich.

Jetzt mit wenigen Klicks freiwillig unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung