Die letzten Gefangenen

Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, über den Umgang mit Raubkunst

Wenn einem Menschen das Auto gestohlen wird, muss er nicht selbst die Parkplätze und Garagen absuchen, um es wiederzufinden. Und wenn jemand ein Auto zu einem unschlagbar günstigen Preis erwirbt, ohne sich um dessen Herkunft und die Besitzverhältnisse zu kümmern, kann er sich nicht als rechtmäßigen Eigentümer betrachten. Ronald S. Lauder, Präsident des World Jewish Congress, bediente sich bei seinem Vortrag in Berlin am Donnerstag dieser Analogie, um die Situation der Überlebenden des Holocaust und ihrer Erben zu veranschaulichen, die von den Nazis geraubte Kunstwerke aufspüren wollen. Ohne zu wissen, wo das Kunstwerk sich befindet, können sie keinen Anspruch geltend machen, Hilfe bei der Suche aber können sie meist nicht erwarten. Finden sie dennoch ein solches Kunstwerk, wird die Rückgabe oft mit dem Verweis auf die Verjährungsfrist oder den angeblich gezahlten angemessenen Preis verweigert.

Diese Kunstwerke seien »die letzten Gefangenen des Zweiten Weltkriegs«, sagte Lauder. Sie befinden sich nicht nur im Besitz von Privatsammlern, sondern auch von staatlichen Institutionen wie Museen und Behörden. Mit der Unterzeichnung der Washingtoner Erklärung hat sich Deutschland bereits 1998 unter anderem dazu verpflichtet, die Suche nach Raubkunst zu intensivieren und für die Vorkriegseigentümer oder deren Erben »eine gerechte und faire Lösung zu finden«. Doch rechtsverbindlich ist diese Zusage nicht und geschehen ist seitdem wenig. So haben von den 6000 deutschen Museen nur 350 eine Provenienzrecherche (Erforschung der Herkunftsgeschichte) unternommen, erläuterte Julius H. Schoeps, Direktor des Moses Mendelssohn Zentrums, das gemeinsam mit der Stiftung Topographie des Terrors Lauder eingeladen hatte.

Allzu oft finden die Museen Ausreden, um identifizierte Raubkunst nicht zurückgeben zu müssen, sagte Lauder. Die Bundesregierung agiere zu zögerlich. Er hat vor allem zwei Forderungen. Die Verjährungsfrist müsse für Raubkunst aufgehoben werden. Notwendig sei zudem die Gründung einer unabhängigen internationalen Kommission mit größeren Vollmachten und Finanzmitteln sowie einem weiter reichenden Auftrag, als sie die bislang bestehenden haben. Lauder setzt sich für »proaktive Herangehensweise« ein. Die Provenienzrecherche solle verstärkt und das Ergebnis veröffentlicht werden, statt nur auf Rückgabeansprüche zu reagieren, sollen die ursprünglichen Besitzer gesucht werden. Angesichts der akribischen Buchführung der Nazis sei dies keine unlösbare Aufgabe. Für den Fall, dass kein Anspruch auf ein gefundenes Kunstwerk erhoben wird, schlägt Lauder vor, es zu versteigern und den Erlös jeweils zur Hälfte Israel und der jüdischen Gemeinde zukommen zu lassen.

Die Bundesregierung begnügte sich im Koalitionsvertrag mit der Absichtserklärung, man wolle die »die Mittel für die Provenienzforschung verstärken«. Diese Zusage hat Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, nun konkretisiert. Die Zahlungen sollen verdoppelt und ein Zentrum für die Suche nach Raubkunst soll gegründet werden.

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