Leser kommen in Scharen

Spaß und politische Brisanz

Als Podium für osteuropäische Autoren hat sich die Leipziger Buchmesse immer schon verstanden. Der Themenschwerpunkt »tranzyt« zur Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus war lange vor den krisenhaften Ereignissen dort konzipiert. Aber nun passt es gut, dass man Autoren wie Juri Andruchowytsch, Andrej Kurkow und Katja Petrowskaja zu Gast hat, die aus der Ukraine kommen. Sie werden mit ihren Meinungen den tatsächlichen Gang der Dinge nicht beeinflussen, aber spannende Diskussionen sind erst einmal gewiss. Diesbezüglich lockt auch das Programm »Auftritt Schweiz«, denn das dortige Votum für eine Begrenzung der Zuwanderung erhitzt die Gemüter, und etliche der Schweizer Autoren, die nach Leipzig kommen, sind Einwanderer.

Auch wenn das Buch eigentlich die ruhige Vertiefung will, eine Messe lebt von medienwirksamen Ereignissen und braucht die Sensation. Aussteller zieht es nach Leipzig wegen der Geschäftskontakte. Der größte Reiz aber ist die Nähe zum Publikum, die hier stärker als in Frankfurt gegeben ist. Und warum kommen die Leute in Scharen? Weil sie etwas erleben wollen, etwas, das sie in ihrem Alltag sonst so nicht finden. Da geht es natürlich um Anregungen zur Lektüre. Die Messebuchhandlung hat wieder gute Umsätze zu erwarten, zumal wenn man das Buch gleich vom Autor signieren lassen kann.

Aber das Wichtigste ist das Erlebnis, das Gedränge in den Hallen und Gängen inklusive. Wer sich eine Eintrittskarte zur Buchmesse kauft, hat die Gewissheit, an etwas Großem beteiligt zu sein. Davon kann man dann anderen erzählen: wie man einen Lieblingsschriftsteller traf, diesem oder jenem Prominenten begegnete und wie schön es überhaupt gewesen ist, weil an jeder Ecke etwas los war.

Für etwas räumliche Entspannung dürfte sorgen, dass es für die große Besuchergruppe der Manga- und Comic-Fans nun eine »eigene Einflugschneise« gibt; die ganze Halle 1 ist diesem Thema gewidmet. Weitere Themenschwerpunkte neben der Literatur sind Buchkunst und Grafik, Hörbuch und Film, Musik und natürlich Kinder und Jugend. Wie vom ersten Messetag an Schulkinder durch die Hallen strömen, ob es den Ausstellern gefällt oder nicht, ist schon zu einem Leipziger Markenzeichen geworden. Das seien die Leser der Zukunft, wird gern gesagt. Aber wer weiß ...

Immerhin haben die Deutschen, laut einer Erhebung des Marktforschungsinstituts GfK, voriges Jahr 4,2 Milliarden Euro für gedruckte und digitale Bücher ausgegeben, Schul- und Fachbücher nicht eingerechnet. Das ist das zweitbeste Umsatzergebnis seit der Jahrtausendwende. Dabei entfielen 200 Millionen Euro auf E-Books und digitale Hörbücher, 50 Prozent mehr als im Vorjahr.

Ermutigende Nachricht: Der Börsenverein sieht den klassischen Buchhandel im Aufwind. »Offensichtlich schätzen die Leute doch wieder ein überschaubares, gutes Sortiment, gute Beratung und ein gutes Angebot sehr hoch ein«, so Vorsteher Heinrich Riethmüller unlängst gegenüber dpa. Dass der Internetbuchhandel dagegen leicht rückläufig sei, hänge auch »mit der Diskussion um Amazon zusammen. Wenn man eine sympathische Buchhandlung in der Nähe hat, geht man dort dann vielleicht doch eher hin.«

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