Auf der Kirche, am Revers: Blau-Gelb

Der ukrainische Umsturz auf der Leipziger Buchmesse

Juri Andruchowytsch stellt seine Antwort auf die Frage von Martin Pollack hintan. Pollack, der auf dieser Buchmesse zum dritten und letzten Mal den Programmschwerpunkt »tranzyt. Literatur aus Polen, der Ukraine und Belarus« kuratiert, hatte wissen wollen, was die Literatur in einer aufgeladenen politischen Situation wie derjenigen der Kiewer Maidan-Bewegung zu leisten imstande ist. Den ukrainischen Schriftsteller aber drängt es, zwei Leipziger Episoden zu erzählen.

Als er an diesem Morgen durch die Innenstadt lief, habe er auf der Nikolaikirche ein Banner in den Nationalfarben Blau und Gelb entdeckt. Das habe ihn »tief berührt«. Als er dann aber auf dem Messegelände eintraf, habe er von zwei Herren das hier - Andruchowytsch zieht ein zerknittertes Flugblatt aus der Tasche - in die Hand gedrückt bekommen. Von einem Bündnis zwischen Washington, Berlin und den »Faschisten« in der jetzigen Kiewer Regierung ist da die Rede, von einem IWF-befohlenen Spardiktat, von einer ebenso verlogenen wie zynischen Haltung des Westens. »Verlogen und zynisch«, zischt Andruchowytsch in die Menge der Zuhörer, sei dieses Flugblatt.

Er und die anderen Maidan-Aktivisten, denen »tranzyt« ein Podium gibt, fühlten sich von solcher »Propaganda« diffamiert. »Wir: eine Bande von Faschisten?«, fragt Andruchowytsch. Wenn Linke und Sozialisten sich auf die Seite der Imperialisten stellen, sagt er und meint das Imperium Russland, sei das das Ende der Linken. Er habe »die beiden Genossen« mit dem Flugblatt eingeladen, auf dieser Veranstaltung mit dem Titel »Euromaidan und der Wandel in der ukrainischen Gesellschaft« mitzudiskutieren. Sie sind nicht gekommen. Oder geben sich nicht zu erkennen.

Das ist umso bedauerlicher, als eine Kontroverse sich nicht entspinnt ohne Gegenstimmen. »Tranzyt«-Kurator Martin Pollack trägt am Revers ein gelb-blaues Bändchen. Jedes neue Podium eröffnet er mit der Rezitation eines literarischen Kurztextes aus dem Maidan-Umfeld. Und immer wieder betont der 2011 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnete österreichische Publizist die »Solidarität mit den Freunden und Kollegen in der Ukraine«. Pollack spricht von »geschickter Propaganda der Gegenseite« und fügt hinzu: »Dem wollen wir entgegenarbeiten.« Die Zeugen des ukrainischen Umsturzes, die auf dem Podium Platz nehmen - Schriftsteller, eine Dichterin, ein Philosoph, eine Literaturkritikerin - berichten bewegt und bewegend von ihren Erfahrungen der vergangenen Monate und ziehen - zögerlich - ihre Rückschlüsse für die Gegenwart. Faschisten? Nein, die da sind keine. Was die Leipziger Zuhörer erfahren, ist aufschlussreich, informativ, vor allem aber von Emotion getragen. Klüger ist man am Ende aber - mangels Gegenperspektive - noch immer nicht.

Dass sie ratlos ist angesichts der »russischen Okkupanten«, sagt die Journalistin Iryna Slavinska, und dass der »Euromaidan« nicht am Ende sei. Von der überwältigenden Solidarität unter den Maidan-Aktivisten schwärmt die Autorin Irena Karpa, von der »grenzenlosen Selbstaufopferung«. 22 Jahre nach der formellen Unabhängigkeit der Ukraine sei die mentale Loslösung vom postsowjetischen Russland de facto erst durch den Maidan gelungen. Der Philosoph Taras Lyutyj spricht von einem Stimmungswandel während drei Monaten des Protests: Man habe nach Europa gesucht - und die Ukraine gefunden. »Wir Ukrainer«, sagt er und betont, dass er damit keine Ethnie und keine Sprachgemeinschaft meint, sondern eine Staatsbürgerschaft, »wir haben es geschafft, eine mächtige zivile Gesellschaft aufzubauen.« Und Andrej Kurkow meint, dass nicht die Sprache, sondern der Inhalt des Gesprochenen entscheidend sei für die Haltung der Menschen. Über Facebook habe er, der russischsprachige Schriftsteller, Putin gebeten, ihn »nicht zu beschützen«.

Andruchowytsch spricht auch bei der Folgeveranstaltung mit dem Titel »Aufschwung der Rechten« für den Maidan. Wenn die Rede sei von »faschistischen« und »antisemitischen« Kräften, dann sehe er darin ein »propagandistisches Spiel«, das Begriffe gleichsetze, die Differenzierung benötigten. Rechts, soll das heißen, ist nicht rechtsradikal, national nicht nationalsozialistisch. Ja, es sei auf dem Maidan gesprochen worden von »irgendwelchen geheimnisvollen Rechten«. Vom »Rechten Sektor« habe er dort aber zunächst nie jemanden getroffen. Erst, als sich Mitte Januar die Situation verschärfte und die Demonstranten es als ihre »Bürgerpflicht« angesehen hätten, so Andruchowytsch, »unsere Verfassung - auch mit der Waffe - zu verteidigen«, sei die Gruppierung in Erscheinung getreten. In der ersten Reihe hätten diese Leute gekämpft - und so die friedlichen Demonstranten geschützt. Erst dadurch seien sie in den Augen der Masse zu »Helden« avanciert.

Sein Verständnis davon, was »rechts« sei, habe sich nach diesen Ereignissen geändert. Anders als bei der schon länger im Parlament vertretenen »Swoboda« habe er im »Rechten Sektor« keine Fremdenfeindlichkeit und keinen Antisemitismus feststellen können. Auch russenfeindliche Töne habe er vom »Rechten Sektor« nicht vernommen, antiimperialistische hingegen sehr wohl. Wenn diese Gruppierung nun stärkeren Zulauf erhielte, spitzt der Schriftsteller zu, sei das der »Aggression von außen«, sprich Putin zur Last zu legen. Für Andruchowytsch ist Putin der Imperialist der Gegenwart: Dass ihm mit der Ukraine der wichtigste Teil seines Reiches wegbreche, könne der schlicht nicht ertragen. Ob es Krieg geben werde, wird Andruchowytsch gefragt. Er habe darauf keine Antwort, sagt der und: Das müssen Sie Putin fragen.

Der benachbarte Messestand der Ukraine ist mit einer blau-gelben Fahne dekoriert, in deren Mitte ein Kreis aus zerstörten Europa-Sternen prangt. An ihrer Stelle klaffen dort Einschusslöcher.

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