»Verräter« im Trainingsanzug

Ausstellung im Landtag erinnert an die Republikflucht bekannter DDR-Sportler

  • Von Wilfried Neiße
  • Lesedauer: 4 Min.
Bis 1990 kehrten drei Millionen DDR-Bürger ihrem Land den Rücken, darunter auch Spitzensportler. Warum »Diplomaten im Trainingsanzug« zu »Verrätern« wurden, zeigt eine Schau im Landtag.

Keineswegs ist es so, dass die gesamte Welt des DDR-Sports heutzutage ausschließlich unter dem Aspekt des Dopings betrachtet wird. Im Potsdamer Landtagsschloss wurde dieser Tage eine Ausstellung eröffnet, die sich dem zweiten, heute von der Aufarbeitung zugelassenen Gesichtspunkt widmet: der Flucht von DDR-Sportlern in den Westen.

»ZOV Sportverräter - Spitzenathleten auf der Flucht« heißt die Präsentation von Dokumenten, Texten, Schlagzeilen und Bildern. Es werden die Wege von 15 mehr oder weniger prominenten DDR-Spitzensportlern nachgezeichnet, die in den Westen gingen.

Dazu gehört Karin Balzer, die als Weltklasse-Hürdenläuferin 1958 die DDR verließ - es sich allerdings einige Tage später noch einmal überlegte und wieder zurückkehrte. Dokumentiert wird der Lebensweg von Fußballern, Eiskunstläufern, Kanuten, Turnern und Leichtathleten. Bei der Eröffnung der Ausstellung berichtete der Turner Wolfgang Thüne, der einst beim Potsdamer Armeesportklub (ASK) trainierte, dass sportlicher Druck und verordnetes Doping für ihn zwei der Gründe gewesen seien, die Flucht zu wagen. Er habe Einschränkungen und Überwachungen nicht ertragen - trotz der Privilegien, die er als Spitzensportler zweifellos genossen habe. Und dann sei seine Ehe »auch nicht so gut gewesen«. Geholfen, sich 1974 bei einem Wettkampf in Bern abzusetzen, hatte ihm übrigens sein westdeutscher Konkurrent, der damalige Weltmeister Wolfgang Gienger. Der hatte ihn kurzerhand von der Schweiz aus über die Grenze in die Bundesrepublik gefahren. Diese Tatsache hielten beide - mit Blick auf künftige Wettkämpfe in osteuropäischen Staaten - bis zur Wende geheim.

Landtagspräsident Gunter Fritsch (SPD) drückte bei der Ausstellungseröffnung im Foyer des Landtags die Hoffnung aus, Sportwettbewerbe mögen keine Wettkämpfe von Staaten oder Gesellschaftssystemen sein.

Natürlich fehlt in einer solchen Ausstellung im Jahr 2014 der entscheidende Hinweis, dass die überwältigende Zahl der DDR-Spitzensportler keine der sich ihnen bietenden zahlreichen Gelegenheiten nutzte, um sich abzusetzen. Wenn dort behauptet wird, dass der Sport als Vorzeigebereich der DDR erheblich vom Phänomen der »Republikflucht betroffen« gewesen sei, so lässt sich das statistisch widerlegen. 600 Sportler sollen es insgesamt gewesen sein, keineswegs aber alle Spitzensportler. Hinzu kam, dass diese Tendenz zurückging.

Während in den 1950er-Jahren noch ganze Fußballmannschaften nicht mehr in die DDR zurückkehrten, reduzierte es sich in späteren Jahren auf Einzelfälle wie den Skispringer Hans-Georg Aschenbach und den Fußballer Jürgen Sparwasser. Hans Georg Aschenbach hatte 1973/1974 mit Siegen in Oberstdorf und Innsbruck die Vierschanzentournee gewonnen. 1976 holte er Gold bei den Olympischen Winterspielen. Danach beendete er seine sportliche Laufbahn, studierte Medizin und betreute die Nationalmannschaft. 1988, als das Team an einem Mattenspringen in Hinterzarten teilnahm, blieb Aschenbach im Westen. Der Stürmer Jürgen Sparwasser hatte bei der Fußball-WM 1974 beim einzigen Aufeinandertreffen der DDR-Auswahl und der BRD-Mannschaft das legendäre Siegtor gegen die WM-Gastgeber erzielt. Zudem holte er mit dem 1. FC Magdeburg den Europapokal, was keiner anderen Fußballmannschaft aus der DDR gelang. Von einem Spiel der Alten Herren des 1. FC Magdeburg in Saarbrücken kehrte Sparwasser 1988 nicht in die DDR zurück.

Zu der doch vergleichsweise geringen Zahl der geglückten Fluchten trug auch die hochgradige Aufmerksamkeit bei, mit der das DDR-Ministerium für Staatssicherheit den Spitzensport bedachte. Solche Dinge sollten möglichst im Vorfeld unterbunden werden. In der Ausstellung wird dargestellt, dass die Geflohenen auch im Westen von Nachstellungen nicht verschont blieben und sie zum Ziel von Spionage und »Zersetzung« wurden. Ihre in der DDR zurückgebliebenen Angehörigen seien von der Stasi und von der SED bedroht und sozial isoliert worden, heißt es. Auch das war aber in den ersten Nachkriegsjahren stärker ausgeprägt als in den Jahren kurz vor der Wende.

Durch dergleichen »Verrat« fühlten sich die Verantwortlichen in der DDR auch deshalb besonders und geradezu persönlich getroffen, weil es sich beim Leistungssport um eine Art gehätscheltes »liebstes Kind« gehandelt hatte. Vielversprechende Sportler genossen während ihrer aktiven Zeit eine besondere Förderung und nach Abschluss ihrer Karriere großzügige Hilfe bei der Berufswahl. In den 1950er Jahren war es für den Einzelnen durchaus von Belang, sich mittels guter sportlicher Leistungen den Zugang beispielsweise zu Südfrüchten zu verschaffen. »Der Imageverlust schmerzte«, begründete die Historikerin Jutta Braun vom Zentrum deutsche Sportgeschichte die ängstliche Überwachung. Braun ist eine der Kuratoren der Ausstellung.

Bei der breiten und großzügigen Förderung des Sports spekulierte die DDR natürlich auch auf Medaillen. Sie betrieb zu diesem Zweck eine gezielte Auswahl und Förderung von Talenten als Basis für Spitzenleistungen, die für ein so kleines Land einmalig auf der Welt waren. Das Ziel wurde erreicht. Die »Diplomaten im Trainingsanzug«, wie Erich Honecker sie nannte, hatten in der Tat die DDR berühmt gemacht und ihre Hymne bei Siegerehrungen zum Klingen gebracht. Am Ende lag nur noch die Sowjetunion im Olympia-Medaillenspiegel vor der DDR.

»ZOV Sportverräter - Spitzenathleten auf der Flucht«, bis zum 30. Mai, montags bis freitags von 8 bis 18 Uhr, Foyer des Landtags, Alter Markt in Potsdam

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