Irgendwer wird sich schon kümmern

Kathrin Zinkant über den Klimawandel, Moral auf dem Teller und die Frage, wer uns vor Außerirdischen retten wird

  • Von Kathrin Zinkant
  • Lesedauer: 4 Min.

Es ist immer schon ein Rätsel gewesen, warum der Mensch sich in seinem Handeln lieber von einem wie auch immer verwurzelten Glauben leiten lässt, als sich an Tatsachen und an der Vernunft zu orientieren. Die Rede ist hier nicht von den überkommenen Weltreligionen, sondern von den weniger offensichtlichen, aber dennoch religiösen Mustern des modernen Wunschdenkens. Dafür braucht es keinen personifizierten Gott. Aber ebenso wenig versetzt ein solcher Glaube in die Lage, vernunftorientiert mit Tatsachen umzugehen. Zum Beispiel mit dem Klimawandel.

Anfang dieser Woche also hat das Intergovernmental Panel on Climate Change, kurz IPCC, den zweiten Teil des fünften großen Weltklimareports veröffentlicht. Nach dem wissenschaftlichen ersten Papier, das im September den Stand der Forschung präsentierte, geht es im zweiten Teil um die konkreten Folgen, die die Menschheit in den kommenden Jahrzehnten erwarten. »Verwundbarkeit« ist eines der drei Stichworte, die dieses Kapitel, das den menschlichen Selbstzerstörungshang beschreibt, übertiteln. Wie immer gab es auch ein zusammenfassendes Papier für die Politik, einen wissenschaftlichen Leitfaden zum Handeln. Eigentlich ein unmissverständliches Signal, dass die Hütte brennt und die Feuerwehr allmählich in die Hufe kommen könnte. Wobei es für die Hüttenbewohner auch nicht verkehrt wäre, den Rauch nicht länger als vorübergehende Bewölkung fehlzudeuten und mit dem Löschen schon mal anzufangen. Armut bekämpfen wäre eine dieser Löschaktionen.

Stattdessen aber: Gleichgültigkeit. Die Sirenen hört man in der Ferne, irgendwer wird sich schon kümmern. Selbst die Tagesthemen-Moderatorin stellt fest, dass sich für den stets drohenden Klimawandel ja keiner mehr so richtig erwärmen kann. Ein großes Nachrichtenportal überschreibt seine Berichterstattung mit »Fortschritte im Kampf gegen globale Erwärmung«, obwohl der Report das schwerlich rechtfertigt - und hebt noch mal auf das Unvermögen der Wissenschaft ab, eine einzige präzise Vorhersage zu liefern. Die Bundesregierung klopft sich selbst auf die Schulter, indem sie an dem, was sie zu tun bisher bereit war - ein Ziel verkünden - festhält. Thema abgehakt, zurück zu den wirklich wichtigen Dingen im Leben. Zurück zum Glauben. Zurück in die Kirche.

Abgesehen von der alles überspannenden Kirche des Profits suchen viele Menschen inzwischen Zuflucht in kleineren Glaubenshäusern. Viele davon finden sich auf dem Feld der Ernährung. Natürlich gibt es Tatsachen, die für Ernährung sprechen. Ohne Essen verhungern wir. Industrielle Lebensmittelproduktion und Massentierhaltung verursachen massive Probleme für Verbraucher und Umwelt, und sie kollidieren auch mit den Werten einer vernunftorientierten Gesellschaft. Aber Ernährung soll jenseits aller Vernunft eben längst mehr leisten: Sie soll heilen, sie soll schützen, sie soll Sicherheit geben, die Natur retten - und aus dem verdauenden Bauch heraus auch noch das Klima, und zwar ganz einfach, indem man sich den Glauben auf den Teller schaufelt.

Nichts gegen alternative Ernährungsformen. Aber sobald Moral ist, was man isst, sobald es beim Essen um eine Rückkehr zur Natur gehen muss, die gleichzusetzen sein soll nicht nur mit körperlicher Vervollkommnung, sondern auch mit geistiger Erlösung und Überlegenheit, hat man sich vom Boden der Tatsachen schon einige Meilen weit entfernt. Und eben dort, auf dem Boden, passiert weiter das Unausweichliche. Die Hütte brennt ab, weil alle in ihren Kirchen waren und zu einer Illusion gebetet haben.

Aber vielleicht liegt es auch bloß daran, dass das Feuer nicht wie ein riesiges Raumschiff über unseren Köpfen auftaucht, sondern sich so unspektakulär langsam ausbreitet, dass es an einem wie auch immer begründeten Urvertrauen nicht kratzt: Dem Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit, wenn es denn tatsächlich hart auf hart kommt.

Krieg der Welten, Independence Day, die Amis machen es dem Rest der Welt mit ihrem übersteigerten, in Kinofilme gegossenen und im Fernsehen regelmäßig wiederholten Glauben an die Macht des Überlebenswillens vor. Auf dass jeder in seinem Herzen weiß: Wenn das Schlimmste tatsächlich passiert, wenn die Menschheit wirklich, wirklich bedroht ist, wenn also eines Tages Außerirdische auf unserem (unserem!) Planeten landen - dann kriegen wir sie am Arsch.

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