Der Alltag des Terrors in St. Pölten

»The Crimson House«

Sie wolle kein Festival mit einander hetzenden Produktionen, sagt Brigitte Fürle. Vielmehr solle ihre Spielstätte Künstlern auch für Residenzen offenstehen. Nach Hofesh Shechter kamen nun Lemi Ponifasio und seine Gruppe MAU zum zweiwöchigen Aufenthalt ins Festspielhaus des niederösterreichischen St. Pölten. Dazu steht das 1997 als »Kulturfenster zur Welt« eingeweihte Gastspielzentrum der residenten Truppe für Proben mit anschließender Aufführung zu Gebot. Die aktuelle galt jenem renommierten samoanischen Theatermacher mit seinem singulären Bildertheater, das er unter Fürles Leitung schon in Berlin bei der »spielzeit’europa« präsentierte.

Ponifasios jüngste Produktion bezieht ihren Titel »The Crimson House« aus einem nationalen Mythos: Stammvater Tagaloalagi errichtete sich als erstes Haus überhaupt einen purpurfarbenen Regierungssitz, von dem aus er die Menschen zugleich überwachte. Dass Ponifasio und mehrere seiner Akteure 2007 bei einer Anti-Terror-Razzia daheim in Neuseeland verhaftet wurden, holt den Mythos schmerzhaft in die Gegenwart. »The Crimson House« dreht sich um beides, Schöpfungsmythos und Zustandsbeschreibung der Welt. Also beginnt der Choreograf mit einem eindringlichen Bild.

Vertikale Neonröhren flackern, Blitze züngeln, Donner grollt, schemenhaft eilen Menschen vorüber. Das Chaos bändigen drei Priester, die mit ihrem Gleiten, Klatschern, perfekt synchroner Armgestik für das Prinzip Ordnung stehen. Nichts scheint real, auch nicht das unverständlich verzerrte Gebalfer einer Kommandostimme. Da gebiert die Leinwand bühnenbreit eine blonde Eva, die zerdehnt langsam ihr Haar ausbreitet. Als die Gestalt ihre Perücke abnimmt, wird die Glatze darunter sichtbar: Verlockung als Schein. Tröstlich trappelt einer der Priester vorüber, scheint einen muskelbewehrten Mann mit Flügeln zu schicken, Engel oder Schamane, der schließlich in epileptischem Anfall zu Boden geht. Schattenkämpfe mit sich haben auch Andere unter elektronischem Klanggewölk zu bestehen, jeweils in beinah statuarischer Ruhe.

Schreie hallen aus der Tiefe, Menschen sind wie eingegraben nur als Oberkörper zu sehen, mit krallenartigen Vogelbewegungen. In ein kontemplatives Duo schiebt sich trennend ein langer, bald illuminierter Steg, auf dem ein Liegender zu Tröpfellauten wie im Wasser schwebt. Zu den einprägsamen Szenen zählt ebenso eine Lichtschräge, die nur Köpfe sichtbar macht und vor der ein Akteur in derwischhafter Trance dreht.

Im Finale wälzt sich ein Mann, bis sich sein Körper wie eine geschlachtete Robbe rötet, immer schneller im Orkan aus Ton und Licht. Der Alltag des Terrors hat als blutige Realität die Bühne erobert. Kein expressives Theater, auch keine irgend fixierte Sprache wolle er, bekennt Ponifasio zwar, einzig eine Spannung im Raum interessiere ihn. Narrativ ist sein radikales Bühnenwerk sicher nicht, assoziativ jedoch allemal und für Deutungen leidenschaftlich offen.

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