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Nachhaltig in die Irre führen

SPD-Holding übernimmt das Portal Utopia.de

  • Von Robert D. Meyer
  • Lesedauer: 3 Min.

Heute nicht auf Kosten von morgen. Hier nicht auf Kosten von anderswo«, beschreibt das Nachhaltigkeitsportal Utopia.de seine Philosophie. Die 2007 an den Start gegangene Webseite hat klare Ziele: Konsumkritik ohne Verzichtsaufruf fördern, den Menschen erklären, das nicht jeder Ramsch nötig ist, da die weltweiten Ressourcen endlich sind und der Klimawandel als Antwort in Form ganz neue Form des Wirtschaftens erfordert. Ein Projekt, ganz im Sinne der ökologisch orientierten bürgerlichen Mittelschicht, die den ethisch korrekten Kauf von Bananen und Schokolade nicht selten als Ablasshandel missversteht.

Utopia.de erklärt seinen Besuchern, warum Selbermachen modern, Kleidung großer Modekonzerne verwerflich und der Wechsel zu einem grünen Stromanbieter richtig ist. Bei den Konsumenten kommt gutes Gewissen an: Nach eigenen Angaben verzeichnet Utopia.de vier Millionen Besucher im Jahr, was nicht zuletzt auch an der zweiten wichtigen Funktion der Plattform liegt. Utopia gibt nicht nur Tipps, es lässt die Nutzer - vom Unternehmen Utopisten genannt - Fragen, Meinungen und Erfahrungen zu allen erdenklichen Themen mit Bezug zur Nachhaltigkeit austauschen.

Ein Portal, das im Parteienspektrum ganz nach dem Geschmack der Grünen wäre, in dem aber künftig einhundert Prozent Sozialdemokratie drinsteckt. Für einen einstelligen Millionenbetrag kauft Tivola Ventures, der Digitalableger der SPD-Medienholding Deutsche Druck- und Verlagsgesellschaft (DDVG), die Plattform Utopia.de.

Ein Zukauf, der nur auf den ersten Blick verwundert. Auf der einen Seite steht ein Projekt, das öffentlich anprangert, dass der Klimaschutz »nicht oberste Priorität auf der politischen Agenda« ist. Auf der anderen Seite agiert eine SPD, die mit ihrem Wirtschaftsminister und Parteichef Sigmar Gabriel gerade erfolgreich die Industrierabatte bei der Ökostromumlage verteidigte und damit die Zielsetzungen von Utopia fast vollständig konterkarierte.

Insofern darf der überraschende Kauf des Webportals nicht als sozialdemokratischer Kurswechsel vom alten Kohlekumpel zum grünen Wohlstandskritiker verstanden werden. Die SPD-Holding macht das, was im Kapitalismus jedes Unternehmen tut, um am Markt zu überleben: Es wächst. Dabei spielt für eine öffentliche Institution, die sich gleichzeitig als Unternehmer betätigt, oft weniger eine Rolle, ob das Investment mit der eigenen Moralvorstellung deckungsgleich ist. Laut eines »Spiegel«-Berichts hatte die katholische Pax Bank bis 2010 kein Problem, in die Hersteller von Kondomen, Tabak und Waffen zu investieren. Erst als die im Sinne der offiziellen katholischen Lehre nicht vertretbaren Aktivitäten öffentlich bekannt wurden, zog die Pax Bank ihr Geld reumütig wieder ab.

Die eigene Überzeugung kann für einen Unternehmer zu einer nervigen Last werden, wenn Rendite lockt und sich das Kapital auf Sinnsuche begibt, um schließlich immer wieder ernüchternd festzustellen, dass der Zweck des Geldes in unserem Wirtschaftssystem vor allem darin besteht, sich bei immer weniger Besitzern zu konzentrieren.

Wer sich auf den Markt einlässt, ändert dessen Spielregeln nicht, sondern passt sich diesen an - egal ob Unternehmerfamilie, windige Hedgefondsgesellschaft oder eine 151 Jahre alte Partei. Die SPD investiert nicht in Unternehmen, um damit die Marktwirtschaft zu verändern, was allein deshalb aberwitzig wäre, weil Parteien dies bekanntlich mittels Parlamentspolitik wesentlich besser könnten. Die SPD investiert in Utopia.de, um wie jeder andere Marktteilnehmer Geld zu verdienen.

Dabei passt die Plattform den Sozialdemokraten ins Konzept, weil sich unter dem vielfach sinnentleerten Begriff Nachhaltigkeit Kasse machen lässt. Kein Unternehmer käme auf die Idee, Nachhaltigkeit im Sinne eines Ideals zu interpretieren, dass das beste Produkt jenes ist, das keine Ressourcen verbraucht, weil es gar nicht erst produziert wird. Wer aber nicht kauft, würde sich dem Markt verweigern.

Daran aber hat die SPD kein Interesse. Stattdessen will die Partei mittels ihrer Holding Tivola Ventures ein großes Onlinenetzwerk mit dem Schwerpunkt auf Öko-Produkten aufbauen, wie Tivola-Chef Christopher Koeppler der »WirtschaftsWoche« verriet. »Wir wollen ein tragfähiges Digitalgeschäft mit starken Synergien der Beteiligungen untereinander aufbauen«, so Koeppler. Das indes klingt nicht nach Utopie oder Vision für die Zukunft sondern schlicht nach Kapitalismus.

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