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Aufatmen in Chile

Regierung weist Staudammprojekt in der Region Aysén zurück

  • Von Jürgen Vogt, Buenos Aires
  • Lesedauer: 3 Min.
Umweltschäden und Umsiedlungen - viele Chilenen fürchteten die Folgen des HidroAysén-Projekts. Die Regierung stoppte es nun.

Türkisblau ziehen sich die Flüsse durch die patagonisch-chilenische Provinz Aysén. Rau ist das Klima, Hitze im kurzen Sommer, bittere Kälte im langen Winter. Die Landwirtschaft ist Knochenarbeit, Industrie Fehlanzeige, die Abhängigkeit von den staatlichen Arbeitsplätzen ist groß. Verlockend waren das Angebot neuer Jobs beim Staudammbau und das Versprechen vom billigen Strom. Doch die Mehrheit von Ayséns Bevölkerung wollte trotzdem nie, dass ihre Flüsse gestaut und ihre Täler überflutet werden.

Jahrelang währte der Kampf gegen das Megaprojekt. Bis am Dienstag Chiles Umweltminister Pablo Badenier die gute Nachricht verkündete: »Das Wasserkraftprojekt HidroAysén ist hiermit zurückgewiesen.« Zuvor hatten die sechs zuständigen Minister die bereits ausgestellte Umweltverträglichkeitsbescheinigung für das geplante Großprojekt im Süden des Landes einstimmig zurückgezogen. Stattdessen gaben sie den 35 Beschwerden von Einzelpersonen und Umweltorganisationen gegen das Vorhaben statt.

Vor dem Sitzungsgebäude in Chiles Hauptstadt Santiago lagen sich die ProjektgegnerInnen vor Freude jubelnd und weinend in den Armen, ganz Aysén atmete erleichtert auf. Kein Vorhaben hatte das Umweltbewusstsein der chilenischen Bevölkerung und den Umgang mit den natürlichen Ressourcen in den vergangenen vier Jahren so stark verändert und geprägt wie »HidroAysén«. Im Mai 2011 kam es zur ersten großen Umweltdemonstration des Landes, bei der rund 100 000 Teilnehmer in der Hauptstadt Santiago das Ende der Planungen für das Projekt sowie den Erhalt von Natur und Wasser einforderten.

Das Projekt »HidroAysén« sah den Bau von insgesamt fünf Staudämmen und ebenso vielen Wasserkraftwerken vor. Durch die Aufstauung der Flüsse Baker und Pascua wären knapp 6000 Hektar Land überflutet worden. Mit einer 2000 Kilometer langen Hochspannungstrasse sollte der Strom aus dem Süden in die dicht besiedelte Landesmitte geleitet werden. »HidroAysén« sollte mit einer Leistung von 2750 Megawatt 20 Prozent des geschätzten zukünftigen Strombedarfs des Landes decken. Der Bauherr, das spanisch-chilenische Konsortium Endesa-Colbún hatte die Kosten zunächst auf 3,2 Milliarden US-Dollar veranschlagt. Ab 2019 sollte der erste Strom geliefert werden, 2025 sollte das letzte der fünf Kraftwerke ans Netz gehen.

Die Umweltverträglichkeit des Projekts war Endesa-Colbún in einer mehr als umstrittenen Entscheidung der Umweltkommission der Provinzhauptstadt Coyhaique im Mai 2011 bescheinigt worden. Die Entscheidung versetzte wenig später die gesamte Region in Aufruhr und mündete schließlich in ein zähes juristisches und politisches Tauziehen.

Die Aysén-Region ist eines der wasserreichsten Gebiete im südamerikanischen Patagonien. Chiles neoliberales Wasserrecht erlaubt privaten Unternehmen den Besitz und die Nutzung von Wasser in Bächen und Flüssen, auch ohne Eigentümer des Bodens zu sein, durch den dieses Wasser fließt. In Patagonien befinden sich die Nutzungsrechte für Wasser in den Händen privater Großunternehmen.

Das Betreiberkonsortiums hat nun 30 Tage Zeit, um beim Umweltgericht in Valdivia Berufung gegen die Entscheidung einzulegen, in letzter Instanz kann es den Obersten Gerichtshof anrufen. Dennoch wird das Projekt mit der jetzigen Regierung wohl nicht zu machen sein: Präsidentin Michelle Bachelet hatte bereits vor ihren Amtsantritt im März 2014 angemahnt, dass das Projekt in der geplanten Weise nicht umsetzbar sei.

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