Zeit ist Lebensqualität

Termindruck und Stress sind häufig die Ursachen für gesundheitliche Probleme

Die meisten Menschen stehen unter dem permanenten Diktat der Uhr. Doch nicht jedem macht die Hektik des Alltags zu schaffen. Studien belegen: Wer seine Zeitabläufe selbst bestimmt, lebt gesünder.

In den letzten 65 Jahren ist in der Bundesrepublik die durchschnittliche Arbeitszeit von 50 auf rund 41 Wochenstunden gesunken. Im gleichen Zeitraum hat sich die Zahl der Urlaubstage von 9 auf 30 erhöht. Dennoch beklagen über die Hälfte der Deutschen, dass sie nicht genügend Zeit zur Erholung fänden und daher im Beruf und Alltag oftmals gestresst seien. Jeder fünfte Bundesbürger, so hat eine Forsa-Umfrage ergeben, lebt sogar im Dauerstress.

An sich ist Stress nichts Negatives. Als körperliche Reaktion auf unerwartete äußere Reize befähigt er uns mitunter zu außergewöhnlichen Leistungen. Es gibt viele Beispiele von Menschen, die sich aus einer lebensbedrohlichen Situation nur dadurch zu retten vermochten, dass sie stressbedingt alle ihre Reserven zur Flucht mobilisierten.

Ein solches Verhalten wäre am Arbeitsplatz freilich nicht ratsam. Mag der Chef auch noch so toben, einfach zu flüchten, ist für gestresste Mitarbeiter in der Regel keine Option. Gewöhnlich bleibt ihnen nichts anderes übrig, als die aufgetretenen Schwierigkeiten zu lösen und sich unter Termindruck neuen Aufgaben zu stellen. Dabei geraten viele in einen Teufelskreis. Denn unter Stress sind Menschen unkonzentriert und handeln planlos. Sie haben Mühe, sich ihre Zeit sinnvoll einzuteilen und machen so zwangsläufig neue Fehler. »Wir sind nicht gestresst, weil wir keine Zeit haben«, pointiert der Wissenschaftsautor Stefan Klein. »Wir haben keine Zeit, weil wir gestresst sind.«

Während unser Körper eine akute Stressreaktion gewöhnlich mühelos verkraftet, kann chronischer Stress zu einer Gefahr für die Gesundheit werden. Denn im Stresszustand steigt der Blutdruck, und der Puls geht in die Höhe. Beides gehört bekanntlich zu den wichtigsten Risikofaktoren für Herz-Kreislauferkrankungen. Neben organischen Schäden kann Dauerstress aber auch psychische Störungen zur Folge haben wie leichte Reizbarkeit, depressive Stimmung, Erschöpfung, Schlaflosigkeit. Von innerer Unruhe getrieben, fällt es dauergestressten Menschen oft schwer, selbst einfache Probleme des Alltags angemessen zu bewältigen.

Mediziner plädieren deshalb schon länger für eine langfristige Entschleunigung sozialer Prozesse. Obwohl das leichter gesagt als getan ist, gibt es für den Einzelnen durchaus Möglichkeiten, dem Stress des Nonstop-Lebens zu entfliehen. »Eine positive Stressbelastung zeichnet sich dadurch aus, dass man mehrmals am Tag einen möglichst harmonischen Wechsel zwischen Aktivität und Entspannung hat«, sagt der Lübecker Psychotherapeut Dietmar Ohm. »Das entspricht unserem Biorhythmus.« Und es fördert unser Leistungsvermögen, auch wenn ein deutsches Sprichwort warnt: »Müßiggang ist aller Laster Anfang.« Unser Gehirn kann jedoch nur dann effizient arbeiten, wenn man ihm öfter eine Ruhepause gönnt. Manche lesen zur Entspannung ein Buch, andere hören Musik oder erholen sich in der freien Natur. Ohm empfiehlt überdies viel Bewegung: Joggen, Radfahren, Schwimmen. Dadurch nutzt der Mensch die zusätzliche Energie, die in Stresssituationen entsteht, um seinen Körper rascher in den »Normalzustand« zurückzuführen.

Früher war es für viele Menschen, die es sich leisten konnten, selbstverständlich, nach dem Mittagessen etwas zu schlummern. Doch selbst in Südeuropa ist diese vormoderne Siesta-Tradition inzwischen im Rückgang begriffen. Dabei haben Wissenschaftler herausgefunden: Wer regelmäßig einen Mittagsschlaf hält, verringert sein Herzinfarktrisiko um bis zu 30 Prozent. In der Hast des Alltags haben es viele Deutsche überdies verlernt, ihre sozialen Beziehungen zu pflegen. Sogar die Partnersuche wird heute oftmals im Eilverfahren erledigt - entweder per Annonce oder via Internet. Die Schriftstellerin Christa Wolf wusste hier einst besseren Rat: »Müßiggang ist aller Liebe Anfang.«

Dass die meisten Menschen Stress mit Zeitdruck verbinden, ist verständlich. Es sind vor allem die heutigen beruflichen Anforderungen, die Beschäftigte oftmals zwingen, von Termin zu Termin zu hetzen und permanent einsatzbereit zu sein, wenn der Chef es verlangt. Selbst im Urlaub findet der typische Bundesbürger keine Ruhe und strukturiert seine Zeit mit deutscher Gründlichkeit durch. »Früher dachte ich, Deutsche können nur hart arbeiten«, schrieb ein britischer Journalist über seine Urlaubserfahrungen mit Teutonen am Strand, »aber jetzt weiß ich, dass sie sich auch in ihrer Freizeit völlig verausgaben können.«

Als Prototyp des modernen herzinfarktgefährdeten Menschen gilt gemeinhin der Manager, dessen Terminkalender so gefüllt ist, dass kaum Zeit für Privates bleibt. Die Wirklichkeit sieht jedoch anders aus. So folgt aus epidemiologischen Untersuchungen, dass Manager seltener einen Herzinfarkt erleiden als andere Männer gleichen Alters. Es ist nämlich nicht der Zeitmangel an sich, der Stress verursacht, sondern das Gefühl, keine Kontrolle über die Zeit zu haben. Der britische Gesundheitswissenschaftler Michael Marmot stellte in einer Studie fest, dass zwischen der Intensität der Stresssymptome bei männlichen Beamten und deren Stellung in der Beamtenhierarchie ein direkter Zusammenhang besteht. Das heißt, allgemein gesprochen: Je mehr Menschen nach einem fremden, von anderen vorgegebenen Zeittakt arbeiten müssen, desto rascher geraten sie bei Termindruck in Stress. So gesehen ist die Tatsache, dass heute fast jeder Beschäftigte per Handy oder E-Mail allzeit erreichbar sein muss, ein einschneidender Eingriff in die privaten Zeitmuster, die zuvor weitgehend frei von äußerer Einmischung waren. Das wiederum könnte erklären, meint Stefan Klein, warum so viele Menschen über wachsenden Stress im Beruf klagen, obwohl sie objektiv betrachtet immer weniger arbeiten müssen.

Um Stress abzubauen, wären flexible Arbeitszeiten deshalb ein geeignetes Mittel. Denn sie würden Menschen in die Lage versetzen, mehr Kontrolle über die zeitlichen Abläufe ihrer beruflichen Tätigkeit zu gewinnen. Das käme vor allem den Abendmenschen zugute, auch Eulen genannt, die von ihrem Biorhythmus her dazu bestimmt sind, erst spät am Tag ihre Bestform zu erreichen. Derzeit ist unsere Gesellschaft jedoch so strukturiert, dass sie der inneren Uhr von Morgenmenschen (Lerchen) folgt, die nicht nur in aller Frühe aufstehen. Sie strotzen danach auch vor Vitalität, was für mich als Eule, ich gestehe es freimütig, schlicht ein Mysterium ist.

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