Hilferuf der Jesiden

Tausende Jesiden und Kurden fordern Unterstützung für die Minderheiten in Nordirak

  • Martin Dolzer
  • Lesedauer: 3 Min.
Zu dem Protestmarsch in Hannover waren Menschen aus ganz Deutschland angereist: Die Veranstalter zählten 30.000 Menschen, die auf die Verbrechen der IS-Milizen aufmerksam machen wollten.

Mehrere Tausend Jesiden und Kurden haben am Wochenende in Hannover gegen die Gräueltaten der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) an religiösen Minderheiten in Nordirak demonstriert. Sie hielten am Samstag Fotos von Kindern mit schmerzverzerrtem Gesicht in die Höhe, »Stoppt den Terror«, »Stoppt den Völkermord« stand auf Plakaten, »Lang lebe der Widerstand in Sengal« war immer wieder zu hören. Die Polizei sprach von mindestens 11 000 Teilnehmern, laut Organisatoren waren es mehr als dreimal so viele.

Auf einer Kundgebung sprachen Vertreter der Jesiden, der kurdisch-syrischen PYD, der Assyrischen Christen, des Europäischen Rates der Armenier, kurdischer Frauenorganisationen und der Alevitischen Gemeinde sowie SPD-Politiker. Sämtliche Redner sprachen sich für sofortige humanitäre Hilfe für die vor der IS geflohenen Bevölkerungsgruppen und insbesondere für die von den jüngsten Massakern betroffenen Jesiden in der Region Sengal aus. Dabei töteten die »Glaubenskrieger« lokalen Menschenrechtlern zufolge mehr als 3000 Menschen, etwa 5000 wurden entführt. Insgesamt befinden sich zwischen 200 000 und 300 000 Menschen auf der Flucht.

Die religiöse Minderheit der Jesiden stammt aus Irak, Syrien, der Türkei und aus Iran. Wegen ihrer Verfolgung vor allem in Irak sind viele der Gläubigen ins Ausland geflohen. In Deutschland leben zwischen 40 000 bis 100 000 Gläubige, die meisten von ihnen in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen.

Hannover. Hannovers Bürgermeister Stefan Schostok lobte die Demonstration als »wertvolles Signal für ein respektvolles Zusammenleben der Menschen«. Die Menschen in Kurdistan hätten ein Anrecht auf ein Leben in Frieden und ohne Verfolgung, so der SPD-Politiker. Mehrere Redner betonten, dass es die kurdisch-syrischen Verteidigungskräfte sowie die Guerilla der PKK waren, die einen Korridor von Sengal nach Syrien erkämpften und dadurch mehr als 50 000 Menschen das Leben retteten. Sämtliche Bevölkerungsgruppen in der Region sollten gemeinsam Widerstand organisieren, forderte ein Vertreter des Europäischen Rates der Armenier. Wenig Vertrauen hat man hingegen in die europäischen Staaten und die USA, dass diese den Aufbau einer selbstbestimmten Demokratie im Mittleren Osten fördern. Das könne nur die Bevölkerung vor Ort, so der Tenor bei der Demonstration.

Eindringlich beschreiben Teilnehmer die Lage in Nordirak: »Seit zwei Wochen massakrieren IS-Terroristen Jesiden in Sengal an der syrischen Grenze zu den kurdischen Autonomiegebieten in Nordirak. Ihre Führung hat dazu aufgefordert, Ungläubige zu vernichten. Immer wieder berichten Augenzeugen von Folter, Vergewaltigungen und Vertreibung«, so eine Vertreterin des kurdischen Frauenverbands. Die Dschihadisten hätten auch einen Staudamm am Tigris und Ölfelder erobert. In Mossul und weiteren Orten seien zuvor Christen von den Gräueltaten betroffen gewesen.

Seit letzter Woche greift die IS die Stadt Jalawla nahe der irakisch-iranischen Grenze an. »Dort kämpfen die Peschmerga der PUK gemeinsam mit der PKK gegen die menschenverachtenden Terrorbanden,« betonte ein Vertreter der Patriotischen Union Kurdistans PUK. Das Vorstandsmitglied im Rat der Jesiden, Ali Atalan, sprach sich für humanitäre Hilfe, aber gegen Waffenlieferungen an die Kurdische Autonomieregierung aus. »Die Waffenexporte an die Türkei, Saudi Arabien und Katar müssen unterbunden werden, da diese Staaten die IS unterstützen«, sagte er. Viele Redner forderten zudem, das PKK-Verbot in Europa aufzuheben.

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