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Die Gesetze des Dschungels

Das Buch »Wir sind die Guten - Ansichten eines Putinverstehers« von Mathias Bröckers und Paul Schreyer

Die Guten und die Bösen. Ein Konzept, das nur im Märchen funktioniert, wird zur moralischen Mobilisierung auf die Realität übertragen. Diese aktuell in fast allen Medien extreme Blüten treibende Unsitte greifen Mathias Bröckers und Paul Schreyer auf und nennen ihr Buch zum Ukraine-Komplex »Wir sind die Guten«. Doch das ist nur halb ironisch gemeint. Dass »wir« die Schlechten sind, wollen sie damit nicht sagen. Zum Glück, denn das würde eine ähnliche Schlichtheit offenbaren wie der von »westlicher« Selbstgerechtigkeit besoffene Chor der Massenmedien. Bröckers und Schreyer kommen zu diesem Schluss: »Wir sind die Dummen.«

Dumm, weil wir (die Europäer) die ureigenen Interessen im Machtkampf mit den USA sträflich vernachlässigen und weil wir Napoleons Wort von der »Geografie als Schicksal« nicht beherzigen: Europa hat ohne Russland keine Zukunft. Das wisse auch die Konkurrenz - schon 1904 sei es Ziel des Britischen Empire gewesen, Russland und Deutschland zu separieren, heute würde diese Trennung offensiv und offensichtlich durch die USA betrieben, so die Autoren.

Das Ringen um die Ukraine inklusive des »Putin-Bashing« ist demnach wirtschaftlich motivierte, antieuropäische Geopolitik, die rein gar nichts mit Menschenrechten oder einer aufstrebenden »Zivilgesellschaft« zu tun hat. Der Untertitel »Ansichten eines Putinverstehers oder wie die Medien uns manipulieren« hebt auf die giftige Diffamierung jeglicher Analyse ab: Verstehen heiße ja nicht Unterstützung, ohne das Verstehen eines Problems, finde man keine Lösung, so die von Schreyer und Bröckers formulierte Selbstverständlichkeit.

Und so ist das Buch fast zwangsläufig, wenn auch ohne jeden Schaum vorm Mund, die große Abrechnung mit dem Imperium USA, den internationalen neoliberalen Netzwerken und den ihnen hörigen Thinktanks, Wissenschaftlern und Medien. Das ist zum Teil unverzichtbarer Hintergrund zum Verständnis des großen geopolitischen Interesses, das die Ukraine weckt. Aber ein etwas kleinerer, konzentrierterer Fokus wäre wirkungsvoller gewesen. Immerhin: Der Essay in Buchform ist flüssig und unaufgeregt geschrieben. Nur selten, dann aber sehr störend, schlägt ein Verschwörer-Jargon durch, etwa wenn die US-Öl-Riesen ohne Erklärung als »Big Oil« bezeichnet werden. Es ist zudem etwas vermessen, die US-Taktik der globalen »Full Spectrum Dominance« und das geopolitische »Great Game« der Banken und Konzerne seit dem Kolonialismus in einem 10-seitigen Kapitel abzuhandeln. Das macht das gezeichnete Bild zwar nicht falsch, es erhält in dieser Kürze aber einen leicht unseriösen Anstrich.

Die Autoren gehen aber auch mit Putins erzkonservativem Programm hart ins Gericht. Und fragen etwa nach den Gründen für diese starke russische Sehnsucht nach reaktionären Gegenbewegungen zum westlichen Alleinvertretungsanspruch.

An dieser Stelle wirft das Buch seine interessanteste Frage auf: Wäre es in jedem Fall zu begrüßen, wenn sich ein starker Gegenpol zu den USA bilden würde - auch wenn der den eigenen Idealen ebenso widerspricht wie die US-Hegemonie? Schreyer und Bröckers meinen: ja. Und tatsächlich wäre eine Alternative etwa zum IWF ein Fortschritt, auch wenn es in den Geberländern (wie in denen des IWF) noch gesellschaftliche Missstände gibt.

Die Autoren zeichnen eine Welt, die von Machtzirkeln und PR-Agenturen regiert wird. Die würden einem »Menschenrechts-Bellizismus« das Wort reden und uns ökonomische Raubzüge als Farbrevolutionen und »Demokratisierung« verkaufen - dabei sei in der Geschichte noch nie ein Krieg für Frauen- oder Schwulenrechte geführt worden. Die Ukraine sei Schauplatz des geopolitischen Schacherns um das strategisch bedeutsame eurasische »Heartland«, Assad würde attackiert, weil er einem Pipeline-Projekt im Wege steht, die Welt würde geordnet von kalten, extremistischen US-Strategen wie Zbigniew Brzezinski oder Paul Wolfowitz.

Wenn man das nicht alles schon mal irgendwo gelesen hätte, es würde einem Angst und Bange werden. Doch man kennt die (darum nicht falsche!) Argumentationskette - und so lassen einen die Kapitel der globalen US-Verschwörung merkwürdig kalt. Dabei ist die (ganz offizielle, in keiner Weise kaschierte) Doktrin der globalen Vorherrschaft in den USA unbestritten, wie US-Präsident Barack Obama gerade erst wieder deutlich gesagt hat.

Zur Durchsetzung dieses mit einer gehörigen Portion Heuchelei angereicherten Größenwahns muss die US-Armee ein ums andere mal in den »Dschungelkampf« im Sinne des britischen Diplomaten Robert Cooper: »Wenn wir unter uns sind, halten wir uns an die Gesetze. Aber wenn wir im Dschungel operieren, müssen wir die Gesetze des Dschungels anwenden.« Und was nun »Dschungel« und was »internationale Wertegemeinschaft« ist, das bestimmen immer noch »wir«, möchte man hinzufügen. Solange also zu Hause die Verfassung geachtet wird, so die Autoren, werden die im Ausland verübten Verbrechen, die »unseren« Wohlstand erst möglich machten, (auch medial) ausgeblendet.

Dass viele transatlantische Journalisten statt dessen, losgelöst von jeder historischen Einordnung, ihre schulmeisterliche Arroganz pflegen, ist kaum zu leugnen. Sie verweilen, wie praktizierende Buddhisten, gedanklich völlig im Hier und Jetzt. In dieser Weltsicht gibt es keine Lehren der Vergangenheit, die beherzigt werden müssen - etwa wenn in schneller Folge mit derselben Lügentaktik Kriegseintritte forciert werden. Es gibt in dieser totalen Fixierung auf die nach schneller Aktion und Bauchentscheidung drängenden Gegenwart auch keine Folgen zu beachten.

Erholsam, weil den großen Bogen wieder etwas konkretisierend, ist Schreyers und Bröckers Fokussierung des Atlantic Council - stellvertretend für die nun so oft zitierten transatlantischen Netzwerke. Die Autoren beschreiben nachvollziehbar wie hier durch Zuckerbrot (Zugang, exklusive Informationen) und Peitsche (jederzeit mögliche Kontaktsperre) handzahme Journalisten herangezogen, gefüttert, am Tropf gehalten und mit Ruhm versehen werden - der jederzeit wieder entzogen werden kann.

Es ist aber schwer, sich ein Publikum zu denken, das dieses trotz Schwächen lesenswerte Buch mit mehr Gewinn als dem der Selbstbestätigung liest. Denn die Autoren teilen keine neuen Fakten mit, stellen keine wirklich überraschenden Zusammenhänge her. Andersdenkende wird der Duktus von Schreyer und Bröckers kaum überzeugen. Bleibt als Wirkung des Buchs also die zusätzliche Mobilisierung von bereits mobilisierten Skeptikern. Aber das ist ja auch schon etwas.

Mathias Bröckers und Paul Schreyer: Wir sind die Guten - Ansichten eines Putinverstehers oder wie uns die Medien manipulieren, Westendverlag, Frankfurt (Main) 2014, 208 S., 16,99 €

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