So viel Heimlichkeit

Nach jahrelanger Verzögerung wird der A 4-Tunnel bei Jena freigegeben - in aller Stille

  • Von Doris Weilandt, Jena
  • Lesedauer: 3 Min.
Sechs Jahre lang wurde am A 4-Tunnel bei Jena gebaut, die Kosten explodierten. Nun soll der Jagdbergtunnel endlich eröffnet werden, allerdings in aller Stille.

Monatelang konnten Autofahrer von der A 4-Strecke durch das Leutratal bei Jena in einen beleuchteten, aber leeren Tunnel schauen, die Eröffnung des Jagdbergtunnels verschob sich immer wieder. Nun aber soll am Donnerstag endlich die erste Röhre nach Westen freigegeben werden - in aller Stille. Kein Minister wird ein Band durchschneiden, kein Politiker lobende Worte über das Geschaffene sprechen - eine lautlose Übergabe und plötzlich rollt der Verkehr.

Noch im Sommer hatte das schwarz-rote Thüringer Kabinett beim Tunnelfest quasi in der Menge gebadet. 30 000 Besucher waren der Einladung zur Tunnelbesichtigung im Cabrio-Bus und Erlebnistruck gefolgt. Bei Musik, Feuerschlucker-Kunststücken und Bratwurst ging die Frage nach dem Sinn der Veranstaltung verloren. Denn das Bauwerk, das Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (CDU) als »anspruchsvollstes, innovativstes und bestausgestattetes Bauwerk auf deutschen Autobahnen« lobte, hatte zu diesem Zeitpunkt vor allem einen Nachteil: Es war noch immer nicht fertig - und niemand wollte sich auf einen konkreten Eröffnungstermin festlegen.

Nun steht die Eröffnung bevor, doch Schweigen herrscht auch weiterhin über die Fakten zum teuersten Tunnelbau, der je in Thüringen errichtet wurde. Auf der Homepage des Thüringer Ministeriums für Bau, Landesentwicklung und Verkehr gab es noch am Dienstag weder Zahlen noch eine Beschreibung.

Beim Bau des knapp 3100 Meter langen Tunnels durch den Jagdberg waren immer wieder Schwierigkeiten aufgetreten. Sulfathaltiges Wasser, das in Mengen durch das Gestein sickerte, griff den Beton der Tunnelröhre so stark an, dass unter den Fahrbahnen Sammelbecken eingerichtet werden mussten. Allein diese Nachrüstungen kosteten viel Zeit und Geld. Ursprünglich ging die Deges, die als Projektmanagementgesellschaft im Auftrag des Bundes agiert, im Raumordnungsverfahren noch von 260 Millionen Euro aus. Inzwischen stieg die Summe auf 385 Millionen Euro an. Ein von der Länge vergleichbarer Tunnel durch die Königshainer Berge in Sachsen konnte in dreijähriger Bauzeit noch für 80 Millionen Euro errichtet werden. Der längste Straßentunnel Deutschlands, der fast acht Kilometer lange Rennsteigtunnel, kostete den Steuerzahler 200 Millionen Euro.

Beim sechsstreifigen Neubau der A 4-Strecke zwischen Jena-Göschwitz und Magdala mussten sich die Tunnelbauer nicht nur durch hoch sensible Kalkschichten sprengen. Sie bewegten auch 3,8 Millionen Kubikmeter Erde, die in die gewachsene Landschaft als gewaltiger Wall eingebaut werden mussten - der dramatische Eingriff veränderte das Aussehen des ganzen Tals. Wie sich die künstlichen Berge bei ausdauerndem Regen verhalten, vermag keiner zu sagen.

Der eigentliche Grund für die Verlegung der Autobahn aus dem Leutratal waren die Orchideen, die nirgendwo so artenreich blühen wie an den darüber liegenden Kalkhängen. Nach der Fertigstellung des Jagdbergtunnels, so der Plan, wird die alte A 4-Fahrbahn auf zehn Kilometern Länge demontiert und geschreddert. Dann soll aus dem verkehrsgeplagten Naturraum ein stilles Tal mit hoher Lebensqualität werden. Doch auch hier gibt es im Gefolge des Tunnelbaus Veränderungen am Berg, die von Naturschützern und Geologen beobachtet werden. Bereits bei der Planung des Tunnels hatten die Gegner des Projektes auf die Unwägbarkeiten hingewiesen, die beim Durchbohren von hydro-geologischen Schichten auftreten können. Im schlimmsten Fall entwässert das Gestein.

Nach dem Einbau einer speziellen Brandbekämpfungsanlage für 14 Millionen Euro dürfen nun auch Gefahrguttransporte die Strecke passieren. Die Sicherheitstests hat der Tunnel inzwischen alle bestanden. Wenn im nächsten Monat noch die andere Fahrtrichtung eröffnet wird, sollen täglich 60 000 Fahrzeuge über die neue Piste rollen. In zehn Jahren rechnet das Thüringer Verkehrsministerium mit einer weiteren Steigerung um 20 000 Fahrzeuge, ein Viertel davon Lkw. Bleibt abzuwarten, ob der Tunnel hält, was versprochen wurde: keine Staus, weniger Unfälle am Schorbaer Berg und keine hohen Wartungskosten.

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