Ein Spekulant in Geisterhand

Musiktheater für Kinder: »Das Gespenst von Canterville« an der Komischen Oper Berlin

  • Von Ekkehart Krippendorff
  • Lesedauer: 3 Min.

Man muss es der Komischen Oper lassen: Sie macht derzeit das lebendigste deutsche Musiktheater - wofür sie zu Recht im vergangenen Jahr zur »Oper das Jahres« gewählt wurde. Sie beweist das seitdem nicht nur durch ein geradezu dramatisch erweitertes Repertoire mit der systematischen Wiederentdeckung des vergessenen oder doch vom deutschen Opernbetrieb zumindest vernachlässigten Genres der Operette - Felsenstein lässt grüßen -, sondern auch mit der Erschließung neuer Besucherkreise: Wo sonst gibt es türkische Untertitelung?

Und dann sind da die Kinder »ab vier Jahre«, um die sich die Dramaturgen der Komischen Oper mit speziellen Programmen kümmern, »um ihnen die Annäherung an das Musiktheater so faszinierend wie möglich zu gestalten.« »Komische Oper jung!« nennen sie sich und blicken bereits auf eine zehnjährige Tradition zurück mit Kinderkonzerten, einem Kinderchor, allein dreihundert Workshops für Schulklassen, einem Castingshow-Projekt für Jugendliche, nicht zuletzt aber mit speziell komponierten und inszenierten Kinderopern, die, ganz und gar ernstgenommen, integraler Bestandteil des großen, gewissermaßen des erwachsenen Opernrepertoires sind.

So geschehen mit der jüngsten Produktion dieses Genres, einer deutschen Erstaufführung des »Gespensts von Canterville« nach einer Erzählung von Oscar Wilde. Das Publikum der ausverkauften Premiere bestand zu einem geschätzten Viertel aus Teenagern mit ihren Eltern, was im kindlich begeisterten Schlussapplaus zu spüren war. Der Zuspruch, den die Kinderopern des Hauses erfahren - insgesamt sind es vier in dieser Spielzeit - scheint dem Impuls, den Barrie Koskys Intendanz diesem inzwischen zehnjährigen Opernkapitel der Komischen gibt, fruchtbar zu sein: Stolz berichtet die Presseabteilung von 40 000 Kindern und Jugendlichen, die pro Spielzeit regelmäßig kommen.

Dabei unterschätzt man den musikalischen und nicht zuletzt den literarischen Gewinn, der in diesem Fall in Oscar Wildes Erzählung steckt, einem in Deutschland viel zu wenig bekannten großen Schriftsteller und Poeten (1854-1900), dessen anrührende, unvergessliche Märchenerzählungen hinter sprachlicher Eleganz und Melancholie eine tiefsinnige Dimension enthalten.

So zu lesen im »Gespenst von Canterville«, wo der deutsche Librettist eine verblüffend aktuelle Interpretation entdeckt hat, noch um einige Grade dahingehend zuspitzt, dass aus den amerikanischen Investoren eines englischen Schlosses, die mit diesem Kauf eben auch ein liebenswürdig-tragisches Gespenst einkaufen, in der deutschen Fassung ein Berliner Grundstücksspekulant wird. Marius Felix Lange hat dazu eine eingängig melodiöse Musik komponiert, die allerdings über längere Strecken durch unangemessene Lautstärke der Opernprotagonisten bis zur Unverständlichkeit erdrückt wird.

Das gilt auch für die szenische Umsetzung als »Gruseloper«, die mit allem bühnentechnischen Aufwand oft weniger gruselig als karikaturhaft gerät - aber den meisten Kindern schien das zu gefallen. Es wird eine herausfordernde Aufgabe für »Komische Oper jung!« bleiben, eine Kinder-Opern-Sprache zu finden, die von Jugendlichen und Erwachsenen gleichermaßen verstanden und ernst genommen wird.

Erwähnt werden darf noch ein Bilderbuch, das die Geschichte des traurigen Gespenstes illustriert, als Souvenir an einen ungewöhnlichen Theaterabend. Auch das etwas Besonderes.

Nächste Vorstellung: 9.11.

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