Immer mehr Senioren brauchen Sozialhilfe

Zahl der Grundsicherungsbezieher im Alter seit 2003 fast verdoppelt / Verbände fordern Umsteuern

Offiziell sind derzeit fast eine halbe Million Ältere auf Sozialleistungen angewiesen - die Dunkelziffer liegt noch höher.

Vom Arbeitsleben direkt in die Sozialhilfe - für immer mehr ältere Menschen in Deutschland ist diese Horrorvorstellung Realität. Laut Daten, die das Statistische Bundesamt (Destatis) am Dienstag veröffentlichte, erhielten am Jahresende 2013 fast eine halbe Million Menschen ab 65 Jahren Grundsicherung im Alter. Im Vergleich zum Vorjahr sei das eine Zunahme um 7,4 Prozent bzw. rund 34 500 Menschen. Damit sind 2,5 Prozent der 20 Millionen in Deutschland lebenden Rentner auf Sozialhilfe angewiesen. Seit Einführung der Leistung hat sich die Zahl der Bezieher fast verdoppelt: Ende Dezember 2003 hatten rund 258 000 Rentner Grundsicherung bekommen.

Auf Grund der im Vergleich zur DDR geringeren Erwerbsbeteiligung westdeutscher Frauen sind diese derzeit besonders auf Hilfsleistungen angewiesen: 3,6 Prozent der über 65-jährigen Frauen im Westen bezogen laut Destatis Ende 2013 Grundsicherung, bei den Männern waren es 2,7 Prozent. In den neuen Ländern einschließlich Berlin waren es 2,2 Prozent der Frauen und 2,0 Prozent der Männer. In Thüringen und Sachsen mussten die wenigsten Senioren Sozialleistungen beantragen (1,1 Prozent), Hamburg kämpft dagegen am meisten mit Altersarmut - fast sieben Prozent der Über-65-Jährigen nahmen Grundsicherung in Anspruch.

Als »besorgniserregend« bezeichnete der amtierende Präsident der Volkssolidarität, Frank-Michael Pietzsch, die Entwicklung; von einem »alarmierenden Anstieg« sprach die Präsidentin des Sozialverbandes VdK, Ulrike Mascher. Der Geschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Schneider, warnte, die Zahlen seien nur Vorboten einer »auf uns zurollenden Lawine«. Ab Mitte des nächsten Jahrzehnts drohe hunderttausenden Langzeitarbeitslosen Altersarmut. Zudem kämen bereits heute auf drei Grundsicherungsbezieher zwei, die einen Anspruch hätten, ihn aber nicht wahrnähmen, so Pietzsch.

Die Verbände fordern höhere Sozialhilfesätze: Der VdK hält mindestens 460 Euro im Monat für erforderlich, der Paritätische Gesamtverband 510 Euro, um altersspezifische Kosten abzudecken. Zudem müssten Einmalleistungen wieder eingeführt werden: »Ein kaputter Herd, eine neue Brille oder eine Stromnachzahlung lassen Grundsicherungsbezieher oft verzweifeln«, sagte Mascher. Der Satz liegt derzeit bei 391 Euro, dazu kommen Miet- und Heizkostenzahlungen.

Ein Hauptfaktor für steigende Armutsgefährdung sei das sinkende Rentenniveau, sagte Pietzsch. Matthias W. Birkwald, rentenpolitischer Sprecher der Linksfraktion im Bundestag, forderte deshalb ein Rentenniveau von mindestens 53 Prozent, die Rücknahme der Rente mit 67 und eine solidarische Mindestrente von 1050 Euro im Monat. Der Präsident des Sozialverbandes Deutschland, Adolf Bauer, fordert ein Hilfspaket aus lohnorientierter Rente, stabilem Rentenniveau von über 50 Prozent sowie einem gestaffelten Rentenfreibetrag in der Grundsicherung. Mit Agenturen

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