Trauriger Scherzartikel

Im Kino: »Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach« von Roy Andersson

Der barocke Filmtitel verheißt einiges an Unvorhersehbarkeiten. Wo endet das, was so eine Taube auf einem Ast sitzend über das Leben denkt? Zweifellos im Absurden - und dieses ist das Metier des schwedischen Regisseurs Roy Andersson. Er ließ sich für den dritten Teil seiner »Triologie über das menschliche Wesen« von einem Gemälde Pieter Bruegels d.Ä. aus dem Jahre 1556 inspirieren, auf dem Vögel zu sehen sind. Sie sitzen dort auf Ästen vor einer Winterlandschaft. Andersson stellte sich vor, sie würden über die Natur des Menschen meditieren und dreht mit diesem Bild im Kopf seinen Film.

Auf eine nacherzählbare Fabel verzichtet Andersson. Ihm geht es um das Arrangement von Szenen aus dem Leben durchschnittlicher Menschen nicht nur von heute, sondern zu allen Zeiten. Ein Kaleidoskop des ewigen Kleinbürgers! Inbegriff der diesen auszeichnenden Durchschnittlichkeit ist bekanntlich der Vertreter, ein Mensch, der gleichsam nur als Verkaufsvehikel seiner Waren wahrnehmbar wird. Zu diesem Genre hat bereits vor längerer Zeit Paul Harathers »Indien« (mit Josef Hader) den ultimativen Tristesse-Höhepunkt abgeliefert. Zwei Außendienstler, in deren Leben sich nichts von den Glücksversprechen der Warenwelt erfüllt, in deren Namen sie doch tagtäglich unterwegs sind. Mit diesen Verlierern hatte man alle Sympathie.

Und nun die beiden traurigen Scherzartikelvertreter Jonathan (Holger Andersson) und Sam (Nisse Westblom). Regisseur Andersson begibt sich ganz und gar in die Regionen des Absurden. Das ähnelt einem Bergsteiger, der ohne Seil klettert. Ob Roy Andersson bei seiner grotesken Kletterpartie nun abgestürzt ist oder nicht, daran scheiden sich allerdings die Geister. Die Jury der Filmfestspiele von Venedig gab ihm den Goldenen Löwen als Besten Film, was die Erwartungen noch steigerte.

Manch einer erhoffte sich von Roy Andersson nicht weniger als von Aki Kaurismäki, dem großen Nordeuropäer des Weltkinos. Dessen Epen der Hoffnungslosigkeit sind wie dunkle Tunnel, in denen dann ganz am Ende doch ein schwacher beglückender Lichtpunkt aufscheint. Kaurismäkis Filme leben dabei immer von ihrem oft quälend langsamen Rhythmus. Aber wovon lebt Anderssons »Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach«? - Dieser Film, so scheint mir, lebt gar nicht, er verfehlt jeden Rhythmus. Da wird etwas für große Kunst gehalten, dem doch jede echte - und sei sie noch so herbe - Poesie fehlt. Dies ist zugegebenermaßen eine Minderheitenposition, aber ein Patchwork aus unverständlich montierten Szenen ergibt noch keinen guten Film. Gewiss, die Menschen sind auf unscheinbare Weise grausam, wer wollte das bestreiten. Die eigentlichen Dramen vollziehen sich immer dort, wo sie niemand vermutet, wo niemand hinschaut.

Aber dann geht das Leben weiter - oder das, was unter diesem Namen firmiert. So hebt »Die Taube« (um den Film einmal ohne jene barocke Umständlichkeit anzusprechen, zu der uns der Titel zwingen will) an mit »Drei Begegnungen mit dem Tod«. Ein Mann stirbt einen einsamen Herztod, als er eine Flasche Wein öffnen will. Nebenan sieht man durch die offenen Tür seine Frau beim Kochen. Nicht einmal sie bemerkt etwas. Schneller Schnitt zu einem anderen Ort. Da liegt ebenfalls ein Mann tot am Boden einer Schiffskantine. Sein Bier und die Sülze hat er noch an der Kasse bezahlt, es steht dort unberührt. Was macht man damit, man kann es doch nicht noch einmal verkaufen, das wäre nicht korrekt, so fragen sich die Verantwortlichen für die korrekten Abläufe von Leben und Tod an Bord. Will es jemand umsonst haben? Ein Biertrinker, der über den Toten hinwegsteigt, findet sich überall, und Bier muss man trinken, bevor es schal wird. Ist das die Botschaft des Regisseurs an uns und jene Dinge, die, wie er sagt, »wir eigentlich tun«?

Der lakonische Gestus dieser Groteske, der der Jury in Venedig offenkundig so gefallen hatte, geht jedoch zumeist ins Leere. Denn es verbindet sich hier kaum etwas mit diesen zumeist unmotiviert wirkenden Szenen, nichts scheint wirklich über die Conditio humana gesagt - so wie es etwa Pier Paolo Pasolini gelang, der in »Große Vögel Kleine Vögel« einen alten und einen jungen Mann über Italiens Landstraßen gehen lässt, wobei sich ein philosophierender Rabe zu ihnen gesellt, mit dem sie eine Weile über Kommunismus und Katholizismus debattieren, bis sie der ewigen Diskussionen leid sind und ihn - ganz nebenbei, wie die wirklich schrecklichen Dinge im Leben passieren - totschlagen. Eine wahrhaft ungewöhnliche Parabel über die unheilvolle Natur des Menschen.

Die beiden schwedischen Vertreter für sogenannte »Scherzartikel« wie Vampirzähne und Lachsäcke wirken dagegen sehr vordergründig wie das erwartete Dementi der Geschäftsidee, den Menschen etwas zu verkaufen, was sie zum Lachen bringen könnte. Sie selbst sind lächerliche Menschen (wie sie wohl wissen) - und über deren Anblick lacht niemand, weil es jeden insgeheim zu sehr an sich selbst erinnert.

Weitere Szenenwechsel und wir blicken in ein Café, in dem ein einsamer Trinker schon vor sechzig Jahren saß, das waren andere Zeiten, und jünger war er da auch. Die nächste Kneipe ist noch geschichtsträchtiger, denn hier müssen beide Flügeltüren geöffnet werden, um Karl XII. auf seinem Pferd hereinzulassen. Als erstes werden alle Frauen aus dem Lokal gepeitscht, die haben unter ernsthaft trinkenden Männern nichts zu suchen. Karl XII. zieht mit seinen Reitern (die anderen müssen draußen warten, so viele Pferde passen in keine Kneipe der Welt) in die Schlacht und will vorher noch ein Mineralwasser trinken. Er findet es ausgesprochen wohlschmeckend.

Nicht, dass es nicht wirklich komisch ist, was wir hier zu sehen bekommen, ärgert schließlich an jener »Taube, die auf einem Zweig sitzt und über das Leben nachdenkt«, sondern, dass es auch sonst nichts ist. Hier sollte offenkundig ein groteskes Tableau der menschlichen Natur in der Geschichte mit filmischen Mitteln erschaffen werden, so wie es Pieter Bruegel einst malend gelang. Ein vordergründig harmloses Bild seiner Zeit verwandelte sich bei ihm zur bitterbösen Tiefenschau aller Zeiten.

Roy Andersson aber überanstrengt sich mit seiner »Taube«, die von Bedeutungsattributen erdrückt wird. Einsamkeit und Trauer der beiden Scherzartikelvertreter in einer sich über ihre kaltherzige Grausamkeit gewohnheitsmäßig hinweglügenden Geschichte, bleiben dabei reine Behauptungen. Der Zuschauer aber hat neben der Langeweile nur die Statistik. Nach der waren nach dem »Goldenen Löwen« in den USA 92 Prozent der Kritiken zur »Taube« positiv - der Statistik lagen, so heißt es, zwölf Kritiken zugrunde.

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