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Wo Richard Wagner bettelte

Im Gut Ermlitz ist ein Stück Musikgeschichte erlebbar

  • Von Uwe Kraus, Ermlitz
  • Lesedauer: 3 Min.

»Ein Fass Bier, Geld, das sind recht charmante Bettelbriefe, die er da geschrieben hat.« Gabriela Mackenthun, die geschäftsführende Vorsitzende des »Fördervereins Kultur-Gut Ermlitz«, weist auf die Post, die einst Richard Wagner an den zwei Jahre älteren und deutlich vermögenderen Freund Guido Theodor Apel nach Ermlitz sandte. Beide kannten sich aus der Zeit an der Leipziger Nikolaischule. Guido Theodor Apel (1811 bis 1867) besaß das von seinem Großvater erworbene Rittergut Ermlitz bei Schkeuditz (Sachsen-Anhalt), wo er auch lebte.

Gabriela Mackenthun und ihr Mann Arnd-Ulrich haben die Türen des Anwesens weit geöffnet, zeigen kulturinteressierten Gästen die 41 Originalbriefe Wagners an Apel und gewähren Einblicke in die Apelsche Bibliothek. Einst bestand die aus 18 000 Bänden, aus der Universitätsbibliothek Halle kehrten bisher rund 2500 davon zurück. Regelmäßige Konzerte im Kuhstall des Kultur-Guts gehören zum Angebot.

Immer wieder begegnen dem Besucher im barocken Schlösschen die Spuren deutscher Musikhistorie. Schon der Leipziger Ratsherr Johann August Apel (1771 bis 1816) zählte zu seinen engsten Weggefährten den Literaten Friedrich Laun, den Komponisten Carl Maria von Weber und dessen Librettisten Friedrich Kind. In lauen Sommernächten versammelte er im Park des Ermlitzer Familiensitzes seine Freunde. Wo heute die Motorengeräusche vom Schkeuditzer Kreuz herüber wehen, saß Weber am Hammerflügel, der heute wieder im Musiksalon steht und gelegentlich fürs Bachfest ausgeliehen wird - man braucht Geld fürs Restaurieren. In Ermlitz komponierte Weber die Ouvertüre zur Oper »Der Freischütz«, deren Libretto auf eine der Gespenstergeschichten von Apel und seinem Freund Laun zurückgeht. Ein Gedicht und das Drama »Columbus« von Nachfahr Guido Theodor Apel vertonte Jahre später der Ermlitzer Sommergast Richard Wagner.

Zu DDR-Zeiten wurde das Herrenhaus dann LPG-Sitz beziehungsweise Kinderheim. Gerd-Heinrich Apel kaufte 2001 das Gut vom Landkreis zurück. Gemeinsam mit dem Förderverein machte sich der unterdessen verstorbene Cousin des heutigen Hausherren Arnd-Ulrich Mackenthun an die Sanierung des Gutes. Originalmobiliar kam aus den Depots im Schloss Wernigerode und der Moritzburg in Halle zurück, nach dem Großteil der einst 54 Gemälde forscht man dagegen weiter.

Doch die größten Kostbarkeiten des Gebäudes - die barocken Tapeten - hätten hinter Spanplatten am Ort überdauert, freut sich Gabriela Mackenthun. Schritt für Schritt werden sie von Spezialisten restauriert. »Beim Säubern haben die Dresdner Restauratoren tagelang mit Radiergummi hier gewirkt und dann über Monate in den verquersten Körperlagen behutsam die textilen Schätze ergänzt und mit feinen Pinseln bemalt.« Ein Anfang, denn immerhin geht es um fünf komplett ausgeschlagene Gesellschaftszimmer. Eine 500 000-Euro-Spende der Hermann-Reemtsma-Stiftung sei dafür ein »gutes Startgeld«.

Die Mackenthuns, beide weit über 70 Jahre alt, sind Realisten. »Wir schaffen das nicht mehr, da muss die nächste Generation ran«, sagt Gabriela Mackenthun. Doch da klingt Stolz mit, beim Neustart dabei gewesen zu sein.

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