Putzige Psychopathen

Die TV-Serie »The Last Man On Earth« von und mit Will Forte

  • Von Waldemar Kesler
  • Lesedauer: 3 Min.

Philip Tandy ist nicht jedermanns Sache. Er ist die personifizierte Überkompensation von Minderwertigkeitskomplexen und redet immer dann, wenn das Gegenteil angebracht ist. Nachdem ein Virus 2019 die Menschheit zum Aussterben gebracht hat, scheint Phil »The Last Man On Earth« zu sein. Er vertreibt sich die Zeit im Cocktailplanschbecken und mit seinen imaginären Freunden: Bällen, auf die er ein Gesicht gemalt hat. Nach und nach stellt sich aber heraus, dass neben Phil noch andere gegen den Virus immun sind und noch leben. Und jeder dieser Überlebenden kommt zu einem Punkt, an dem er sich fragt, ob die postapokalyptische Einsamkeit wirklich schlimmer war, als Phil ertragen zu müssen.

Der Komiker Will Forte spielt in seiner Serie mal mehr, mal weniger latent mit der Prämisse, wie wünschenswert der Fortbestand der menschlichen Spezies ist, wenn die wenigen übriggebliebenen Exemplare neurotische Alkoholiker, phantasievolle Nervensägen und Teilzeitkotzbrocken sind, kurz: typische Produkte der gerade untergegangenen Zivilisation.

In der ersten Staffel ging es noch vor allem um die charakterliche Entwicklung von Phil, in der nun vollständig ausgestrahlten zweiten Staffel geht es mehr um seine Integration in die Überlebenden-Kommune. Die aktuelle Staffel besteht aus zwei Teilen à zehn bzw. acht Folgen. Der Lauf der Dinge ist nicht mehr allein auf komische Verwicklungen ausgerichtet. Die sich permanent kabbelnde Gruppe wird zum Ende der beiden Erzählstränge dramatisch daran erinnert, dass sie sich in der Postapokalypse aufhält. Erst zeigt sich, dass schon ein entzündeter Blinddarm tödlich sein kann, weil die medizinische Versorgung von früher fehlt. Und dann taucht Phils Bruder Mike auf, der als Astronaut im All gestrandet war - und damit kehrt die Angst vor dem Virus zurück.

Mike ist zur Erde zurückgekehrt, weil er es im Orbit vor Einsamkeit nicht mehr aushielt, nachdem seine letzten Experimentierraupen gestorben waren. Im Gegensatz zu seinem Bruder ist Mike sozial gewandt und kann sich die Stimmungslage in der Gruppe zunutze machen. Da er seinen Charme immer wieder zulasten von Phil ausspielt und ihn mit seinen grenzwertigen Streichen quält, wird schnell klar, warum Phil so ein erbärmlicher Aufschneider geworden ist: Er musste sich stets im Schatten seines charismatischen Überbruders behaupten. Phils Mit-Überlebende sind dafür allerdings blind. Je mehr er sich zu dem anständigen Typen entwickelt, als den Phil sich schon immer gesehen hat, desto mehr kommen die egozentrischen Spleens der anderen zum Vorschein.

In den 90er Jahren hat schon »Ausgerechnet Alaska« (Northern Exposure) an exzentrischen Dorfbewohnern in Alaska gezeigt, wie nah putzig und psychopathisch beieinander liegen können. Beide Charakterzüge zeichnen auch die Figuren in »The Last Man on Earth« aus, nur dass die Eigenschaften unter den postzivilisatorischen Bedingungen besonders stark und unvermittelt zum Zuge kommen. Die Weite der Möglichkeiten scheint schier unendlich: noch sind für alle genügend Vorräte und Güter zum Zeitvertreib da, und keine Menschen, denen sie gehören. Nach dem Schock der Epidemie erscheint jedem Überlebenden das neuerliche Zusammenleben als Paradies. Doch dieses Land der unbegrenzten Möglichkeiten schrumpft immer wieder auf die Engstirnigkeit der Zweckgemeinschaft zusammen.

Wer Probleme mit Fremdschämhumor hat, der wird mit The Last Man on Earth wohl nie warm werden. Wer ihn aber aushält, der sieht hier immer wieder großes Potenzial.

»The Last Man On Earth« ist bei Amazon als Stream verfügbar.

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