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Ein unglaublicher Wahlkampf

Verurteilter FDP-Bürgermeister von Guben tritt wieder an. Die LINKE kann es kaum fassen

Die Lehrerin und Kommunalpolitikerin Kerstin Nedoma (LINKE) hebt gern die positiven Seiten hervor. Doch im Bürgermeisterwahlkampf in Guben ist das gar nicht so einfach.

Bei einer Autofahrt durch Guben (Spree-Neiße) übersieht Kerstin Nedoma keineswegs die Probleme, etwa die denkmalgeschützte alte Pieck-Schule, die im Jahr 2000 geschlossen wurde, obwohl es andere Möglichkeiten gegeben hätte, und die nun zunehmend verfällt. Grundsätzlich aber schwärmt die Vorsitzende der Stadtverordnetenversammlung von ihrer Wahlheimat. Schließlich hat sie als Gymnasiallehrerin ein pädagogisches Grundprinzip verinnerlicht: Besser die Stärken loben als beständig an den Schwächen herumzunörgeln. Guben hat nach Einschätzung von Nedoma viele Vorteile, beispielsweise gebe es viele schöne Wohnungen und ausreichend Kitaplätze, so dass alle Eltern sofort einen bekommen können.

Von 1990 bis 2014 ist Nedoma Linksfraktionschefin gewesen und hat bei den vier Kommunalwahlen von 1993 bis 2008 immer die meisten Stimmen aller Bewerber bekommen. Es lag für die Partei deshalb schon lange nahe, sie als Bürgermeisterkandidatin zu nominieren. Doch Nedoma wollte ihren Beruf nicht aufgeben. Erst jetzt, in einer besonderen Situation, lässt sie sich darauf ein - nachdem sie von Bürgern auf der Straße darum gebeten wurde.

Denn Guben befindet sich in einer verzwickten Lage. Der immer noch beliebte Ex-Bürgermeister Klaus-Dieter Hübner (FDP) hat tatkräftig Fördermittel besorgt und viel zur Verschönerung der Stadt beigetragen. Das neue Rathaus, das in einer alten Hutfabrik untergebracht wurde, ist riesig - im Grunde viel zu groß für einen Ort mit nur noch knapp 18.000 Einwohnern. Aber schick ist das Rathaus, verfügt etwa über großzügige und hochmoderne Büroräume für die Fraktionen des Stadtparlaments. Dass die Kommune durch Hübners Politik mit elf Millionen Euro verschuldet sei, als finanziell notleidend gelte - »Im Moment haben wir eine Haushaltssperre«, erinnert Nedoma -, dass bedenken viele Bürger nicht.

Vor allem ältere Einwohner halten große Stücke auf den FDP-Politiker und nehmen dessen Verfehlungen auf die leichte Schulter. »Das bisschen Rasen mähen und Wein«, heiße es achselzuckend, berichtet Nedoma. Dabei wurde Hübner im Februar 2015 vom Landgericht Cottbus unter anderem deshalb zu anderthalb Jahren auf Bewährung verurteilt, weil er sich von einer Gartenbaufirma kostenlos das private Grundstück pflegen ließ und der Firma im Gegenzug öffentliche Aufträge zuschanzte. Auch andere Vorwürfe werden dem bereits seit Jahren vom Dienst suspendierten Bürgermeister gemacht. Völlig überraschend meldete Hübner nun aber trotzdem auf den letzten Drücker seine erneute Kandidatur bei der Wahl am 26. Juni an. Nedoma, die ihre Bewerbung um den Posten da schon bekannt gegeben hatte, fiel aus allen Wolken. »Ich wäre nicht im Traum darauf gekommen, dass ein verurteilter Politiker wieder antritt«, gesteht sie. Nun sei es keineswegs ausgeschlossen, sogar durchaus wahrscheinlich, dass Hübner die Wahl gewinnt. Er müsste dann aber sofort wieder vom Dienst suspendiert werden, heißt es, was die FDP allerdings anders sieht, wie der Ortsvorsitzende Günther Krause darlegt.

Als Kerstin Nedoma mit ihrem Auto auf der Brücke über die Neiße fährt und eine Runde durch die polnische Nachbarstadt Gubin dreht, erwähnt sie die häufigen Fahrraddiebstähle. Sie dachte eigentlich, dass die Grenzkriminalität ein großes Thema im Bürgermeisterwahlkampf wird. Doch bisher gehe es nur um eins: um Klaus-Dieter Hübner, der 2002 Bürgermeister wurde. Die Stimmung ist aufgeheizt, die Stadt gespalten.

Bei einer Diskussion aller fünf Bürgermeisterkandidaten sei Hübner von einigen Zuhörern bejubelt, von anderen ausgebuht worden, erzählt Nedoma. Sie denkt an die Zeit nach der Wahl, an die Notwendigkeit, die Gemüter zu beruhigen und Guben voranzubringen. »Alles muss auf den Prüfstand«, weiß Nedoma, »aber dabei darf die Stadtentwicklung nicht abgewürgt werden und die soziale Infrastruktur muss erhalten werden.« Sie möchte einen Bürgerhaushalt einführen, damit die Einwohner selbst entscheiden können, was ihnen wichtig ist, was finanziert werden soll.

Nicht nur darüber macht sich Nedoma Gedanken. Guben drohe eingeschnürt zu werden durch den geplanten Tagebau Jänschwalde-Nord und durch einen auf polnischer Seite vorgesehenen Tagebau, warnt sie. Nur nach Norden bliebe ein Weg hinaus. Der Lärm der Bagger, der Staub. Mit der Lebensqualität in Guben wäre es aus. Als entschiedene Gegnerin der Braunkohle ist Nedoma heute bekannt. Aber das war sie nicht immer. Viele Verwandte arbeiteten früher in der Braunkohleindustrie. Als junge Frau hat sie die Energiepolitik nicht hinterfragt. Als ihre 77 Jahre alte Oma 1988 aus ihrem altmodischen Bauernhaus, das abgebaggert wurde, in eine Neubauwohnung umziehen musste und sehr darunter litt, da hat Nedoma zu ihrer Mutter gesagt: »Ich weiß gar nicht, was Oma hat. Nun hat sie das erste Mal in ihrem Leben ein Bad.« Doch zwei Tage nach dem Umzug war die Großmutter tot.

Ein Umdenken setzte bei der Enkelin nach der Wende ein, als Horno abgebaggert wurde. Sie hatte dem Ministerpräsidenten Manfred Stolpe (SPD) geglaubt, der versprochen hatte, Horno werde das letzte Dorf sein, das der Braunkohle weichen muss. Doch die LINKE koalierte 2009 mit der SPD und 2014 stimmte das rot-rote Kabinett dem Tagebau Welzow-Süd II zu. Wenn dieser Tagebau wirklich kommt, muss das Dorf Proschim verschwinden.

2009, auf der Rückfahrt von dem Parteitag in Strausberg, der den Koalitionsvertrag absegnete, dachte Nedoma ernsthaft darüber nach, aus der Partei auszutreten. Doch sie hat sich anders entschieden, will in der Linkspartei gegen die Braunkohle kämpfen. Einen anderen Kampf hat sie bereits gewonnen. Das Denkmal für den in Guben geborenen DDR-Präsidenten Wilhelm Pieck wurden nicht abgerissen, sondern saniert. Die LINKE hatte sich für den Erhalt des Monuments eingesetzt.

Die heute 53-jährige Nedoma ist in Hoyerswerda aufgewachsen. Sie hat gleich drei Hochschulabschlüsse als Lehrerin. Den ersten mit der Fächerkombination Mathematik und Physik erwarb sie 1984 in Halle/Saale. Per Fernstudium folgten 1996 das Fach Politische Bildung und 2006 die Sonderpädagogik mit Schwerpunkt Hörschädigung. Als belastend habe sie den berufsbegleitenden Wissenserwerb nie empfunden, sagt sie. »Ich bin immer neugierig gewesen.«

Der SPD-Kandidat Thomas Schuster ist Berliner, also ein Auswärtiger, und die beiden Einzelbewerber Thomas Leopold und Mario Wanke, zwei Unternehmer, sind kommunalpolitisch unbeschriebene Blätter. Ihnen werden keine großen Chancen eingeräumt. Es läuft auf einen Zweikampf von Nedoma und Hübner hinaus. Manche sagen, Hübner gewinne sowieso. Aber Nedoma findet: »Ich habe sehr gute Chancen.« Sie betont bekanntlich das Positive.

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