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Britischer Arbeitsmarkt unter Druck

Brexit-Votum bringt Wirtschaft in Nöte

  • Peter Stäuber, London
  • Lesedauer: 3 Min.

Die britische Wirtschaft steuert auf unbeständige Zeiten zu. Mit einer deutlichen Warnung über die Folgen des Brexit kündigte der Gouverneur der Bank of England, Mark Carney, am Donnerstag ein umfassendes Maßnahmenpaket an, um die Wirtschaft zu stützen. Unter anderem senkte die Zentralbank den Leitzins von 0,5 auf 0,25 Prozent - so tief lag er noch nie - und stellte eine Reihe von Wertpapierkäufen in Höhe von 70 Milliarden Pfund in Aussicht. Darüber hinaus stellte er Geschäftsbanken Liquiditätsmittel im Umfang von 100 Milliarden Pfund (118 Milliarden Euro) zur Verfügung.

Diese Maßnahmen seien nötig, um der Unsicherheit entgegenzutreten, die das Votum für den Ausstieg aus der EU verursacht habe, sagte Carney. Andernfalls drohe die britische Wirtschaft in eine Rezession zu schlittern. Dennoch werden die kommenden Monate von einem deutlichen Einbruch geprägt sein, warnte Carney. Die Zentralbank senkte die Wachstumsaussichten für das dritte Quartal dieses Jahres auf 0,1 Prozent und prognostizierte einen Anstieg der Arbeitslosigkeit: Im Lauf der kommenden zwei Jahre würden in Großbritannien 250 000 Stellen verloren gehen die Arbeitslosenquote von 4,9 Prozent Ende Mai auf 5,5 Prozent im Jahr 2018 anwachsen.

Bereits jetzt zeigen sich die Folgen des Brexit-Votums auf dem britischen Arbeitsmarkt: Die Zahl der unbefristeten Einstellungen ist im Juli so stark zurückgegangen wie zuletzt 2009, als Großbritannien wegen der Finanzkrise in der Rezession steckte. Das zeigen Daten des Personalvermittlerverbands REC und der Beratungsfirma IHS Markit, die am Freitag veröffentlicht wurden. »Der Arbeitsmarkt in Großbritannien war im Juli im freien Fall«, sagte REC-Chef Kevin Green. Firmen stellen wegen der Ungewissheit offenbar eher befristet ein.

Zwar sei der Personalbedarf weiter hoch und die Zahl der offenen Stellen steige grundsätzlich, doch seien Unternehmen offenbar »sehr zögerlich«, neue Arbeitsverträge abzuschließen, heißt es in der Untersuchung. Demnach ist die Metropole London besonders stark betroffen. Eine Steigerung verzeichneten REC und IHS Markit im Juli bei Teilzeitanstellungen. Das Plus sei allerdings »das schwächste seit zehn Monaten«.

Green warnte vor voreiligen Schlüssen. »Die Wahrheit ist, dass wir nicht wissen, wie sich das Referendum langfristig auf den britischen Arbeitsmarkt auswirkt.« Wenn sich etwa die politische Lage stabilisiere oder die Zentralbank weitere sinnvolle Maßnahmen einleite, könne sich das auf dem Arbeitsmarkt schnell zeigen.

Die düsteren Prognosen der Bank of England werden aber auch durch andere Zahlen gestützt: Das Marktforschungsinstitut GFK verzeichnete im Juli den stärksten Rückgang der Konsumlaune seit drei Jahrzehnten. Die Industrieaktivität erlebte ebenfalls einen Einbruch. Ob die Schritte der Zentralbank ausreichen werden, um die Entwicklungen umzukehren, wird von Experten bezweifelt. So sagte Andrew Sentance vom Wirtschaftsprüfer PwC, dass die Zinssenkung eine symbolische Geste sei: »Die Unsicherheit kann nicht durch kleine Anpassungen der Zinssätze oder durch andere geldpolitische Maßnahmen beseitigt werden.« Dazu sei eine politische Antwort der Regierung nötig.

Auch der Schattenfinanzminister John McDonnell rief den Schatzkanzler Philip Hammond dazu auf, Verantwortung für die Wirtschaftsstabilität zu übernehmen. Letztendlich wird das Schicksal der Wirtschaft jedoch davon abhängen, wie sich das Verhältnis zur EU gestalten wird.

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