Nahostkonflikt in der Kabine

Die UN-Resolution zu Israel erhöht den Druck auf die FIFA / Kritik von Human Rights Watch an Siedlungspolitik

  • Von Sebastian Bähr
  • Lesedauer: 4 Min.

Das Thema der »Siedlerklubs« sei »eine heiße politische Kartoffel«, beklagte der FIFA-Funktionär Tokyo Sexwale auf einer Konferenz im Mai diesen Jahres. »Wir brauchen Unterstützung, denn sie ist zu heiß für uns einfache Fußballleute«, sagte er mit nervösem Ton. Gemeint hat er die Fußballmannschaften in den israelischen Ortschaften Ma’aleh Adumim, Ariel, Kiryat Arba, Givat Ze’ev, dem Jordangraben und Oranit. Alle sechs spielen in den unteren israelischen Ligen und befinden sich im Westjordanland, nach palästinensischer Perspektive besetztes, nach israelischer »umstrittenes« Land.

Die Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) hat am Freitag die FIFA aufgefordert, im Zuge der UN-Resolution gegen Israels Siedlungspolitik Maßnahmen gegen die kritisierten Fußballklubs zu ergreifen. Der UN-Sicherheitsrat hatte im Dezember die israelischen Siedlungen in den besetzten Palästinensergebieten erstmals als Verstoß gegen internationales Recht und Hindernis auf dem Weg zu einem Frieden in Nahost bezeichnet.

»Die Resolution des UN-Weltsicherheitsrates sagt klar und deutlich, dass die israelische Siedlungspolitik in den besetzten Palästinensergebieten nicht rechtens ist«, sagte HRW-Anwältin Sari Bashi gegenüber Nachrichtenagenturen. Demnach könne die FIFA nicht mehr dahingehend argumentieren, dass die Ansiedlung israelischer Fußballklubs in diesen Gebieten »neutral zu bewerten oder gar akzeptabel« sei.

Der israelische Fußballverband warf seinen Kritikern dagegen »politische Motivation vor« und zweifelte die Autorität des Weltverbandes an. »Das hat nichts mit der FIFA zu tun, diese Gebiete sind umstritten«, sagte der Verbandssprecher Shlomi Barzel gegenüber dem »Guardian«. Ein Verbot würde vor allem die spielenden Kinder sowie die Klubs bestrafen. »Wir sind nicht anders als andere Mannschaften«, erklärte der Vereinsvorsitzende aus Ariel, Shay Bernthal, gegenüber der »New York Times«.

Der israelische und der palästinensische Verband sind beide Mitglieder der FIFA, deren eigene Regeln im Artikel 72 besagen, dass kein Verband ohne ausdrückliche Erlaubnis im politischen Hoheitsgebiet eines anderen Verbandes Spiele austragen darf. Die palästinensische Seite sieht diesen Punkt verletzt, die israelische argumentiert dagegen, dass die Grenzen eines palästinensischen Staates noch nicht festgelegt seien.

Schon im September hatte Human Rights Watch einen Bericht veröffentlicht, welcher der FIFA vorwarf, die eigenen Regeln nicht ernst zu nehmen. Demnach würden die Spiele der »Siedlerklubs« auf von Palästinensern »gestohlenem Land« stattfinden, der israelische Fußballverband würde Siedleraktivitäten finanziell unterstützen und die Angebote der Vereine würden Palästinensern nicht zur Verfügung stehen. All das stütze ein System, dass »ernsthafte Menschenrechtsverletzungen« produziere. Unterstützung dieser Kritik kam zur gleichen Zeit durch eine Onlinepetition der Organisation Avaaz mit mehr als 150 000 Unterschriften sowie durch einen Bericht des UN-Sonderberaters für Sport, Wilfried Lemke.

Dutzende EU-Abgeordnete forderten in einem offenen Brief von der FIFA ebenfalls den Ausschluss der Klubs. Sie verwiesen in der Begründung auf eine UEFA-Entscheidung bezüglich der Krim. Nach deren Besatzung durch Russland verbot der Europäische Fußballverband ein Wechsel der ehemals ukrainischen Vereine in die russische Liga, die Teams mussten stattdessen eine eigene Liga gründen.
Der Konflikt reicht jedoch noch weiter zurück. Im Mai 2015 konnte gerade so ein Eklat verhindert werden, als der palästinensische Fußballverband einen Antrag auf den Ausschluss Israels aus der FIFA wieder zurückzog. Bedingung war ein Untersuchungsausschuss, der unter dem Vorsitz des Südafrikaners Tokyo Sexwale die Differenzen ausräumen soll. Mitglieder beider Verbände gehören der Kommission an.

Seit mehreren Jahren setzt sich der palästinensische Verbandschef Jibril Rajoub für eine härtere Behandlung Israels ein. Doch auch er selbst ist nicht unumstritten. Die Anfrage nach einer Schweigeminute bei den Olympischen Spielen 2012 in London für die 1972 in München ermordeten israelischen Sportler nannte er »rassistisch«. Gegenüber dem libanesischen Fernsehen sagte er 2013: »Wenn wir nukleare Waffen hätten, dann würden wir sie benutzen«.
Die FIFA, der israelische und der palästinensische Fußballverband reagierten auf Anfragen des »nd« am Freitag nicht. Der Weltverband hat seine Entscheidung in dieser Angelegenheit derweil auf sein nächstes Treffen Anfang Januar 2017 vertagt.

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