Diesmal waren es wohl nicht die Russen ...

Umfangreiche Hackerattacken in Italien - Geschwisterpaar festgenommen - einflussreiche Hintermänner vermutet

Die Liste der Opfer nötigt Respekt ab! Vertreten sind ehemalige Regierungschefs und Minister, zahlreiche Abgeordnete, Mitarbeiter der Zentralbank und der Finanzpolizei blieben nicht verschont, Manager aus der Wirtschaft, Militärs und Kardinäle finden sich darauf. Es heißt, die Hacker hatten Zugang zum Apple-Konto und damit zum iPhone des jüngst erst zurückgetretenen Premiers Matteo Renzi sowie zu einem E-Mail-Konto des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi.

Das erstaunliche an dem Fall - nicht russische oder chinesische Geheimdienste schlichen sich ins Elektronisch-Private. Ein Geschwisterpaar namens Giulio und Francesca Occhionero sollen die Geräte von 18 327 Personen mit Malware infiziert und teilweise hochsensible Informationen ausgeleitet haben.

Der 45-jährige Haupttäter ist Nuklearingenieur, seine 49-jährige Schwester Chemikerin. Beide lebten in London, waren aber immer wieder in Rom und dort in der besseren Gesellschaft wohl gelitten. Vor neun Jahren gründeten die beiden die Investmentfirma Westlands Securities. Ihre Enttarnung als Hacker begann im März 2016. Nachdem der Sicherheitschef der Flugsicherheitsbehörde enav einen Angriff auf sein Konto gemeldet hatte, ermittelte die zuständige Polizia Postale. Sie umkreiste das Gaunerpaar, kam aber nicht gleich an die gehackten Daten heran. Die waren nämlich auf zwei Servern in den USA abgelegt worden. Also baten die Ermittler das FBI um Unterstützung, die US-Bundespolizei sicherte alles.

Polizia Postale-Chef Roberto Di Legami beschrieb Giulio Occhionero als kultiviert mit einer »Obsession für Informationen«. Er soll Mitglied einer Freimaurerloge gewesen sein und neben einem Dossier »Politik und Business« auch eines über seine »Brüder« angelegt haben. Der Staatsanwalt meint, das gesamte italienische Machtsystem sei unter der Kontrolle von »Subjekten« gewesen, die »obskuren und rechtswidrigen Interessen« dienten. Er geht davon aus, dass die Geschwister ein solches Cyberspionagesystem nicht im Alleingang aufbauen konnten.

Normalerweise hätte der Chef der Polizia Postale wohl einen Orden verdient. Stattdessen wurde er strafversetzt. Warum? Weil er die Obrigkeit nicht vorab über den Fall informiert hatte. Dass er es nicht tat, hat vermutlich einen einfachen Grund: Di Legami war jahrelang Anti-Mafia-Ermittler in Palermo und weiß folglich, wie rasch sich manche Dinge in interessierten Kreisen herumsprechen.

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