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Achtung, ich bin wichtig!

Sebastian Friedrich hat ein kluges »Lexikon der Leistungsgesellschaft« geschrieben

  • Von Britta Steinwachs
  • Lesedauer: 3 Min.

Wie verführerisch mag diese Vorstellung für manche wohl anmuten: Die Welt da draußen ist böse und kapitalistisch, aber zum Glück gibt es ja uns, die diesem verkorksten System entsagen! Welch ein fataler Trugschluss es ist, das dürfte jedem klar sein, der die Widersprüche von Konkurrenz- und Profitprinzip täglich am eigenen Leib erfährt. Das neue Buch von Sebastian Friedrich hilft auf sehr unterhaltsame Weise dabei, diese Farce des viel zitierten Bonmots von Theodor W. Adorno mit dem »richtigen Leben im falschen« zu sezieren. Das tut mitunter weh, weil es gehässig den Finger in die Wunde legt, vor allem aber wirft seine im Lexikonstil aufgezogene kleine Schrift einige Schlaglichter auf die innere Architektur neoliberaler Herrschaft.

In einer Gesellschaft, in der jeder dazu angehalten ist, stets das Beste aus sich herauszuholen und bloß nicht zu lange in verschwenderischer Untätigkeit zu verharren (Die Konkurrenz schläft nicht!), legt die permanente Leistungssteigerung den Grundstein zum Erfolg. Um diesen Anforderungen gerecht zu werden, müssen Körper und Geist optimal getrimmt werden. In punkto Ernährung ist klar: Wer nicht wenigstens versucht, sich gesund zu ernähren oder gar raucht, gilt als gesellschaftlicher Risikofaktor, welcher der Gemeinschaft (und dem Gesundheitssystem) potenziell zur Last fällt. Was darf ich wann und wie essen? Laktosefrei oder vegan? Weight Watchers, Paleo oder doch lieber Low-Carb? Süffisant beschreibt Friedrich, wie sich ein beiläufiges Gespräch übers Essen schnell in »einen Fachaustausch auf Niveau eines Doktorandenseminars der Chemie« verwandele. Sollte dem ernährungsbewussten und athletischen Allrounder dann doch im Alltagsallerlei einmal die Puste ausgehen, dann ist der Griff zu Kaffee, Energy Drink oder Ritalin nicht weit.

Friedrich schildert aber nicht nur diese neoliberalen Techniken der Selbstoptimierung. Er geht darüber hinaus, und genau darin liegt die Substanz dieses kleinen Büchleins. Dem Sozialwissenschaftler gelingt es, die Doppelmoral symbolischer Bekundungen als festen Bestandteil eines Lifestyles zu entlarven. So wird der Freiwilligendienst im Kinderheim in Tansania zum antizipierten Lebenslauf-Hingucker und Alleinstellungsmerkmal der Marke »Ich« im Freundeskreis. Der Coffee-to-go in der Hand signalisiert den Mitmenschen sofort: Achtung, ich bin wichtig und leiste etwas - und das, obwohl ich heute Morgen noch bis um fünf Uhr gefeiert habe.

Unter dem Vorwand der Ironie wird bei studentischen Trashpartys in Jogginghose, grellem Make-Up und mit hochtoupiertem Pferdeschwanz auf dem Kopf (»Asi-Palme«) die sogenannte Unterschicht durch den Kakao gezogen. Der Autor schreibt dazu treffend: »Einmal mit trashigem Outfit und den lokalen Dialekt imitierend so richtig aus dem Rahmen fallen, wenn man doch sonst immer so bemüht ist, nirgends anzuecken.« Aus autoritären Vorschriften gegenüber Erwerbslosen werden im neoliberalen Neusprech sogenannte Eingliederungsvereinbarungen mit »Kunden«, aus der prekären Akademikerin wird eine »Nachwuchswissenschaftlerin«.

Dieses bunt durchmischte Lexikon, das auf einer Kolumne des Autors in der linken Monatszeitung »Analyse und Kritik« basiert, ist eine Mini-Schatztruhe klug beobachteter Alltagsphänomene, die das neoliberale Regime ideologiekritisch entlarvt. Es liegt im Wesen dieses anekdotischen Textsammelsuriums, dass es sich noch schier endlos ergänzen ließe. Sebastian Friedrich begeht dabei nicht den Fehler, die Taten der anderen moralisch zu monieren, sondern demonstriert in seinen Denkanstößen von A bis Z anschaulich, wie sich die Verheißungen des Erfolgs im Gleichschritt mit der allgegenwärtigen Drohung des Zu-wenig-Leistens vollziehen.

Sebastian Friedrich: Lexikon der Leistungsgesellschaft. Wie der Neoliberalismus unseren Alltag prägt. Edition Assemblage. 96 S., br., 7,80 €.

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