Prost, auf Mord und Totschlag!

Einige Lieblingswinzer des Schriftstellers Martin Walkers erlangten dank seiner Bruno-Krimis eine ungeahnte Popularität weit über das Perigord hinaus. Von Heidi Diehl

Die Erleichterung ist allen anzusehen, und natürlich drehen sich die Gespräche am reich gedeckten Tisch um die Aufklärung zweier Morde in dem beschaulichen Städtchen St. Denis im Südwesten Frankreichs, die nicht nur Kommissar Bruno in den letzten Wochen in Atem gehalten hatten. Zur Feier des Tages und passend zu Kalbsschnitzel mit Morcheln hat Bruno eine Flasche »Chateau de Tiregand« mitgebracht. Eine besonders gute, denn neben dem Fahndungserfolg gibt es noch einen anderen Grund dafür, dass sein Herz höher schlägt, und jeder, der nicht ganz und gar blind ist, kann ihn an seinem Gesicht ablesen: Bruno ist endlich wieder verliebt! Ein zartes Pflänzchen noch, doch wer weiß, wie es sich entwickelt?

Einer weiß es, doch der hält sich bedeckt - der Buchautor Martin Walker. Schließlich soll es in seinen Bruno-Krimis auch in Zukunft nicht nur um Mord und Totschlag, sondern neben gutem Essen auch um große Gefühle gehen. Jetzt aber feiert der Schriftsteller erst einmal mit seinen Freunden den neuen, den neunten Bruno-Krimi, auf den viele Fans ein Jahr gewartet haben. Auch Martin Walker wird, wie sein fiktiver Held, die eine oder andere Flasche »Chateau de Tiregand« öffnen und möglicherweise sitzt der Produzent des edlen Tropfens mit am Tisch. Denn François-Xavier de Saint-Exupéry ist nicht nur ein hervorragender Winzer, sondern auch ein guter Freund Walkers, und seine Weine spielten in so manchem Bruno-Krimi ebenso eine Gastrolle wie der Winzer selbst.

»Sicher, immer mehr Besucher, darunter viele aus Deutschland, kommen tatsächlich, weil sie über meine Weine in den Krimis gelesen haben«, erzählt er, als ich ihn auf seinem Weingut in Creysse im Departement Dordogne besuchte. »Die meisten jedoch wegen meines berühmten Verwandten, Antoine de Saint-Exupéry. Sie stehen vor dem Schloss, das unserer Familie gehört, und wollen wissen, wie er hier gelebt hat und ob vielleicht ›Der kleine Prinz‹ im Schloss geschrieben wurde. Doch da muss ich sie enttäuschen, Antoine ist niemals hier gewesen.«

Die Enttäuschung allerdings dürfte nur von kurzer Dauer sein, denn das Schloss, dessen Geschichte bis ins 13. Jahrhundert zurückreicht, ist wirklich so etwas wie ein Märchenschloss und steht zu Recht auf der Top-Liste der historischen Monumente Frankreichs. Auch ohne auf Spuren von Antoine de Saint-Exupéry zu treffen, ist es unbedingt einen Besuch wert. Seit über 100 Jahren befindet es sich im Besitz der Familie de Saint-Exupéry, zu der heute neun Geschwister von François-Xavier sowie 40 Nichten und Neffen gehören. Sie nutzen das Schloss als Sommerhaus, öffnen es aber auch Besuchern. Es liegt eingebettet in einen 400 Hektar großen Park. Hinzu kommen 36 Hektar Wein, die François-Xavier mit Leidenschaft und Hingabe pflegt.

Die Rebflächen gehören zum Anbaugebiet Pécharmant, einer besonders geschützten Rotweinlage im Perigord. Gleichzeitig ist es der Name für hervorragende trockene Weine, die aus einer Cuvée von mindestens drei der vier zugelassenen Rebsorten Cabernet Franc, Cabernet Sauvignon, Malbec und Merlot bestehen. Die Pécharmants aus dem Chateau de Tiregand gehören zu den besten, die man finden kann, sein »Cuvé Grand Millesine« wurde national und international schon mit vielen Preisen geehrt. Nebenbei gesagt ist das auch Brunos und Martin Walkers Lieblingswein. Wenngleich bei einem Preis von gut 20 Euro nicht unbedingt etwas für alle Tage.

Da werden die beiden Gourmets schon eher bei Pierre Desmartis fündig, dessen Weingut Château La vieille bergerie in Lembras unweit von Bergerac liegt. Vor allem Desmartis »Cuvée Quercus Bergerac sec« bringt sie zum Schwärmen, ein Weißwein, der »nie Aluminium gesehen hat«, wie der Winzer erzählt. Denn dieser Wein reift ausschließlich in Eichenfässern, was ihm einen ganz besonderen Charakter gibt. In »Grand Prix«, dem neuen Bruno-Krimi, serviert der Kommissar diese Cuvée seiner neuen Flamme zu Krebsen. Eine gute Wahl und mit 8,50 Euro auch preiswert.

Manchmal staunt Desmartis noch immer über seine Popularität, die nicht nur damit zu tun hat, dass immer mehr Bruno-Fans bei ihm vorbeischauen, weil sie wissen wollen, ob die Weine wirklich so gut sind wie in den Büchern beschrieben. Allein seine »Cuvée Quercus Bergerac Sec« wurde schon viermal auf der Pariser Weinmesse mit einer Goldmedaille geehrt. Erstmals 2008, als Freunde seine Weine, von deren Qualität sie absolut überzeugt waren, ohne Desmartis Wissen einschickten. »Ich selbst hätte sie niemals zur Bewertung eingereicht«, gesteht er, »ich hab mich einfach nicht getraut. Ich bin doch eigentlich gar kein Winzer, sondern Tierzüchter. Alles, was ich über Wein weiß, habe ich mir vor 17 Jahren selbst beigebracht, als ich aus gesundheitlichen Gründen meinen Beruf an den Nagel hängen musste.« Obwohl er inzwischen die Auszeichnungen längst nicht mehr zählen kann, versteht Pierre Desmartis noch immer nicht, »warum die Leute mich so gut finden«.

Als Bruno zu seinem neunten Fall gerufen wird, ist er gerade dabei, im Garten Brokkoli, Kopfsalat und Blumenkohl zu pflanzen, weil der Mondkalender dafür grünes Licht gab. So richtig ist er zwar nicht überzeugt, ob das nicht alles Hokuspokus ist, doch eine gute Freundin riet ihm dazu, deswegen will er es ausprobieren. Zwar wird ihr Name im Buch nicht verraten, doch es kann nur eine sein: Caroline Feely. Auch sie ist eine gute Freundin von Martin Walker. Die Irin, die in der Finanzbranche tätig war, brach 2005 mit ihrem Mann Sean alle Zelte in Dublin ab, um in Saussignac nahe Bergerac biologische Weine zu produzieren. Das Paar hatte das heruntergekommene und insolvente Weingut während eines Urlaubswochenendes im Perigord entdeckt und beschlossen, es zu kaufen. Konsequent schlugen sie den biodynamischen Weg ein, wozu auch gehört, den Boden im Frühjahr bei Vollmond um Mitternacht mit Hornspänen zu düngen. Auf einem Spaziergang durch den Weingarten, wo das Unkraut die Rebstöcke üppig umwachsen darf, erklärt sie mir ihre Philosophie, erzählt vom intakten Mikroklima, von ihrem glücklichen Leben in Einklang mit der Natur. Zärtlich berührt Caroline die ersten Blätter an einem gerade austreibenden Rebstock: »Schau nur, sehen sie nicht aus wie kleine Ballerinas mit einem rosa Rand am Röckchen«.

Mag vielleicht mancher auch denken, sie spinnt ein wenig, die Weine geben ihr Recht - sehr feine, frische leichte Tröpfchen mit einem erstaunlich komplexen Körper. Neben Auszeichnungen für ihre Weine erhielten Caroline und Sean auch die Goldmedaille für den besten Weintourismus des Perigord. Denn sie bieten neben Weinseminaren auch zwei Ferienwohnungen an, von denen die Gäste einen fantastischen Blick in die Weinberge haben. Längst hat sich die Qualität der Weine aus dem Château Feely in der alten Heimat herumgesprochen: Die irische Regierung lässt sie sogar auf Empfängen ausschenken.

Martin Walker besucht seine Winzerfreunde regelmäßig - um zu probieren, zu kaufen und im Gespräch immer neue Anregungen für Brunos nächste Fälle zu bekommen. Gern aber ist er auch im Weinladen von Julien de Savignac in seinem Wohnort Le Bugue, alias St. Denis. Alle guten Winzer des Perigords sind bei Julien mit ihren Weinen zu finden, ein Mekka für jeden Weinliebhaber. Dass auch Bruno hier immer mal wieder vorbeischaut, muss wohl nicht extra erwähnt werden. In »Grand Cru«, seinem zweiten Fall, spielte der Laden sogar eine Hauptrolle.

Ich habe mich hier mit Martin Walker verabredet. Stolz, als wäre er selbst der Besitzer, führt er mich herum. Als wir uns nach einer Weile von Julien verabschieden - natürlich nicht, ohne mit ihm ein Glas getrunken zu haben -, nehmen wir eine Flasche vom Bruno-Wein mit, den Walker mit Freunden kreiert hat. Auf dem Etikett der roten Cuvée aus Merlot, Cabernet Sauvignon und Cabernet Franc ist Brunos Hund Balsac mit der Mütze des Kommissars auf dem Kopf zu sehen. Für das Foto stand Benson, Walkers Basset, Modell, der - wie sollte es anders sein - das lebende Vorbild für Balsac ist. Oder besser gesagt, war. Denn kürzlich ist er im gesegneten Alter von 14 Jahren gestorben. In den Büchern aber lebt und ermittelt er weiter an Kommissar Brunos Seite.

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