Trump und die Chemie-Mondlandung

Von Reinhard Renneberg , Hongkong, VR China

  • Von Reinhard Renneberg
  • Lesedauer: 2 Min.

Nun hat es Donald Trump auch in die Biolumne geschafft! Bekanntlich ist er kein rechter Fan von Allgemeinwissen, Fakten und schon gar nicht der Wissenschaft. Das Budget für den Leuchtturm der US-Forschung, das National Institute of Health (NIH), wird 2018 um dramatische 18 Prozent gesenkt. Chinesische Wissenschaftler strömen nun in Scharen zurück in das »chinesische Mutterland« (Mainland) und zu uns nach Hongkong. Danke, Mr. President!

Biologen und Physiker hatten schon vor Trump ihre Prestigeprojekte: Das Human-Genom-Projekt mit 2,7 Milliarden Dollar Kosten ist abgeschlossen und die Physiker fanden für 13,25 Milliarden die mysteriösen Higgs-Bosonen.

Ausgerechnet jetzt wollen die zu spät gekommenen Chemiker auch ihr Großprojekt. Es sind immerhin rund hunderttausend organische Naturprodukte bekannt, die von irdischen Mikroben, Pflanzen oder Tieren erzeugt werden. Professor Martin Burke von der Universität von Illinois in Urbana schlug gerade unter großem Jubel der Chemiker vor, die meisten dieser organischen Natursubstanzen im Labor zu synthetisieren. Eine »bescheidene« Milliarde Dollar würde das kosten und 20 Jahre dauern. Die Idee ist, mit 5000 verschiedenen Bausteinen etwa 75 Prozent der interessanten Naturstoffe mit einem neuen, von Burke und einigen Kollegen vor zwei Jahren vorgestellten Verfahren auf chemischem Wege zu synthetisieren. Burkes System setzt die Substanzen aus einer Art reaktiver chemischer Lego-Bausteine im Automaten zusammen.

Ein Beispiel: Die Bryostatine sind seit 1976 bekannt und wirken gegen Alzheimer und AIDS. Der Haken: Um mickrige 18 Gramm Bryostatin-1 zu isolieren, mussten 14 Tonnen der im Meer lebenden Moostierchen verarbeitet werden. Goldstaub!

Der gigantische Aufwand - und die Dezimierung der Organismen mit den gewünschten Substanzen - würde mit der chemischen Herstellung entfallen. Außerdem könnten auch solche Stoffe synthetisiert und getestet werden, die es so in der Natur gar nicht gibt, neue Antibiotika zum Beispiel gegen resistente Bakterien.

Der Biolumnist RR, selbst Chemiker, ist weniger begeistert vom Etikett »chemische Mondlandung« für das Projekt. Er sah die zwei Milliarden Dollar kostende Mondlandung an seinem 18. Geburtstag, auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges in Halle-Neustadt und war wie die meisten der 500 Millionen Fernsehzuschauer fasziniert. Am nächsten Morgen fragte ihn der alte Parteisekretär der Baustelle: »Na, Reinhard, gestern auch den teuersten Trickfilm aller Zeiten gesehen?«

Überdies sind gerade solche »Mondlandungen« stark von den politischen Konjunkturen abhängig. So steht das Schicksal der erst im vergangenen Jahr vom damaligen Präsident Barack Obama gestarteten »Cancer Moonshot Initiative« zur Krebsforschung mit den massiven Kürzungen der Trump-Regierung im NIH-Haushalt nun wohl schon wieder auf der Kippe.

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