Pipeline-Konzern bedrängt Bauern

Auf Rügen sollen Landwirte wegen Nord Stream 2 wertvolles Ackerland zu Grünland machen

  • Martina Rathke, Bergen
  • Lesedauer: 4 Min.

Valerie und Philipp Riedesel bauen auf ihren Äckern im Südosten der Insel Rügen (Mecklenburg-Vorpommern) Weizen, Raps, Gerste und Zuckerrüben an. Dass der Pipelinebauer Nord Stream 2 Begehrlichkeiten für 40 Prozent ihrer Flächen hegt, erfuhren die Landwirte Mitte März erst durch eine Information der Landgesellschaft Mecklenburg-Vorpommern. Nord Stream, Tochterunternehmen des russischen Gaslieferanten Gazprom, will im kommenden Jahr mit dem Bau der 1200 Kilometer langen Erdgastrasse von Russland nach Deutschland beginnen. Als Kompensation für den Bau der nunmehr schon zweiten Ostsee-Pipeline durch den Greifswalder Bodden ist auf der Insel Rügen eine großflächige Renaturierung von 3000 Hektar Land geplant. Darunter sind auch 1200 Hektar wertvoller Ackerboden, die umgewandelt werden sollen.

Rund drei Wochen vor Auslegung der Planungsunterlagen wurden Riedesels und ein Dutzend weiterer Bauern darüber informiert. »Das hat uns sehr beunruhigt und unter enormen Zeitdruck gesetzt«, sagt Valerie Riedesel. Bis Ende Mai müssen die Stellungnahmen beim Bergamt Stralsund, der zuständigen Genehmigungsbehörde, eingegangen sein. Fest steht: Die betroffenen Bauern wollen Widerspruch einlegen. »Die Ackerböden auf Rügen sind mit 45 bis 58 Bodenpunkten besonders hochwertig«, sagt Bauer Maik Zielian aus Poseritz. Er und seine Kollegen seien nicht bereit, für 25 Jahre Dienstbarkeiten zur Grünland-Umwandlung eintragen zu lassen.

Unterstützung erhoffen sich die Landwirte vom Kreistag. Das vom Bauernverband dominierte Bündnis Vorpommern-Rügen will, dass der Kreis im Genehmigungsverfahren alternative Kompensationsmaßnahmen auf geringerwertigen Böden durchsetzt, für die bereits das Einverständnis oder sogar Ökokonten vorlägen. Das Problem: Diese Flächen - darunter sind Wiesen auf der Halbinsel Fischland oder das Flusstalmoor der Blinden Trebel - liegen nicht in der Nähe des Pipelinebaus.

Nord Stream 2 erklärt, die Alternativprojekte geprüft zu haben. Man sei aber zu dem Ergebnis gekommen, dass diese Maßnahmen weniger wirkungsvoll als die auf Rügen geplanten seien, sagt Nord Stream-Sprecher Steffen Ebert. Mit der Umwandlung intensiv genutzter Agrarflächen in Grünland, Teilwiedervernässungen und der Umwandlung von Flächen in Naturwald auf Rügen könne der schädliche Eintrag von Nährstoffen in den geschützten Greifswalder Bodden minimiert werden.

Die Landwirte auf Rügen fürchten indes um ihre Existenz. »Auf der Insel wird der Druck auf Landwirte immer größer«, sagt Bündnis-Fraktionschef Manfred Möller. Für den Bau der Rügenbrücke, der B 96n, der Ortsumgehung Bergen oder für Umweltausgleichsmaßnahmen hätten Bauern immer wieder Flächen bereitstellen müssen. Hinzu komme der Druck aus dem Tourismus. »Die Insel ist begrenzt«, sagt Möller. Lege man alle Vorgaben zum Vogelschutz, zu Natura-2000 und zu Nationalparks übereinander, seien nur noch 20 Prozent Rügens ohne Schutzstatus.

Die nun vom Nord Stream 2-Projekt betroffenen Bauern verweisen auf den Paragrafen 15 im Bundesnaturschutzgesetz. Demnach dürfen »für die landwirtschaftliche Nutzung besonders geeignete Böden nur im notwendigen Umfang« in Anspruch genommen werden. Das Vorgehen von Nord Stream sei ein Novum. »Es ist das erste Mal, dass Ackerflächen in so großem Stile umgewidmet werden sollen«, sagt Bauer Zielian.

Auf Geldzahlungen durch den Pipeline-Bauer wollen sich die Landwirte nicht einlassen. »Wir wollen über Generationen auf Rügen Landwirtschaft betreiben«, stellt Zielian klar. Auch Riedesels schließen einen Deal mit Nord Stream aus. »Wir machen Landwirtschaft, um Wertschöpfung zu erzielen und nicht, um von Subventionen zu leben«, sagt Valerie Riedesel.

Unterstützung für die Bauern kommt auch vom Landrat des Kreises, Ralf Drescher (CDU). »Wir nehmen die Sorgen der Bauern ernst«, sagt er. Auch der Landkreis wird eine Stellungnahme im Genehmigungsverfahren abgeben. Nach Einschätzung des Landrates wäre die Sanierung der Boddengewässer südlich von Fischland-Darß-Zingst ein »Superprojekt« für den Umweltausgleich. Nord Stream hingegen setzt weiter auf Rügen: »Wir sind zuversichtlich, dass wir zusammen mit den betroffenen Eigentümern und Pächtern in einem sachlichen und konstruktiven Dialog Lösungen finden werden«, sagte Ebert. Es gebe positive Signale. Zudem werde auch nur ein Drittel der beantragten Flächen benötigt - also deutlich weniger als 1200 Hektar Ackerboden. dpa/nd

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