Wer CRISPRt an mei’m Häuschen?

Von Reinhard Renneberg , Hongkong, VR China

  • Von Reinhard Renneberg
  • Lesedauer: 2 Min.

Nach der ersten Euphorie kommt im Leben meist eine Phase der Ernüchterung, manchmal schmerzhaft, aber oft sehr heilsam. Vielleicht ist das ein Trick der Evolution für unser Überleben.

CRISPR/Cas9 schien nach den ersten Veröffentlichungen die Gentechnik-Wunderwaffe. Großer Jubel allerorten! Der Biolumnist begrüßte eine der entscheidenden Forscherinnen, Emmanuelle Charpentier, begeistert in Hongkong. Seine Universität HKUST wird sie im November zur Ehrendoktorin küren. Das »neue charmante Gesicht der Biotechnologie« ist heute Co-Direktorin am Max-Planck-Instituts für Infektionsbiologie in Berlin (bravo, ein Hauptgewinn für die Hauptstadt!). Fehlt eigentlich nur noch der Nobelpreis.

Die molekularen CRISPR-Genscheren erlauben erstmals präzise Veränderungen an jeder gewünschten Stelle der DNA. Wie es anfangs schien, ohne störende Nebenwirkungen an anderen Orten des Erbguts. Doch in der ersten Euphorie hat man wohl einfach nicht genau genug hingesehen. Im Fachblatt »Nature Methods« publizierten gerade Stephen Tsang vom Columbia University Medical Center und seine Kollegen Genvergleiche von mit CRISPR/Cas9 behandelten Mäusen vor und nach der Behandlung. Ihre ernüchternde Erkenntnis: CRISPR/Cas9 produziert, zumindest in Einzelfällen, viele bisher unbeachtete minimale, möglicherweise tödliche Veränderungen im Erbgut.

In vorangegangenen Studien hatten man offenbar aus Effizienzgründen nicht alle denkbaren Erbgutabschnitte nach dem Einsatz von CRISPR auf Veränderungen kontrolliert. Tsang und sein Team haben das nun nachgeholt. Sie sequenzierten das gesamte Erbgut von Versuchsmäusen vor und nach einem CRISPR-Einsatz. Es wurde ein für Erblindung verantwortliches Gen ausgetauscht. Tatsächlich funktionierte der Austausch des Zielabschnittes planmäßig. Aber zumindest bei zwei Tieren fielen zusätzlich 1500 scheinbar zufällig verstreute Einzelmutationen und rund 100 größere Erbgut-Ummodellierungen auf. Sie fanden sich alle an Stellen, die der gängige Computersicherheits-Check nicht als gefährdete Region prognostiziert hatte. Das gibt zu denken. Vor weiteren Experimenten am Menschen, wie sie z. B. in China geplant sind, sollte CRISPR/Cas9 unbedingt noch besser erforscht werden, raten die besorgten Forscher. Es sei zumindest angeraten, immer das gesamte Genom auf mögliche weitere Mutationen hin abzusuchen.

An der US-Technologie-Börse NASDAQ sanken nach dem »Nature«-Artikel erwartungsgemäß sofort die Aktienwerte von CRISPR-Unternehmen: Editas Medicine Inc. um 12 Prozent, Intellia Therapeutics Inc. verlor 14 Prozent und CRISPRTherapeutics AG fiel um ca. 5 Prozent. Die finanztechnischen Aspekte sind leider böhmische Dörfer für mich. Ich will das aber noch verstehen lernen, sinnvollerweise bevor das westliche Finanzsystem endgültig zusammenkracht ...

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