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Das geheime Leben

Daniel Wisser sucht nach Türen und Luken

  • Von Irmtraud Gutschke
  • Lesedauer: 3 Min.

Michael Braun scheint es in dem kleinen österreichischen Ort zwei Mal zu geben, wie man bald erfährt. Der eine arbeitet beim Meldeamt und hat eine Frau namens Silvia, die der andere während einer Party küsst, weil sie ihm wegen ihres schönen Nackens gefällt. Silvia geht mit ihrem Mann zur Paartherapie, aber das wird wohl nicht viel nützen, denn seine Seelentiefen wird er nicht enthüllen. Sie meint, er fühle sich zu exotischen Frauen hingezogen, er ahnt, dass das aus frühester Jugend kommt, von den Nachhilfestunden in Latein bei der schönen Alies, die ihn das erste Mal küsste, als ihr Mann, Dr. Schupp, zornig ein Glas vom Tisch gefegt hatte und er die Scherben aufsammelte.

Wobei dieser Dr. Schupp auch irgendwas mit Michaels Mutter zu tun hatte. Hat Schupp wirklich die Löwen seines Nachbarn erschossen, um diesem das Leben zu retten? Und wie ist das Verschwinden seiner Frau zu erklären? Löwen in der Einöde - die gibt es wirklich in Daniel Wissers kleinem Roman. Nachhilfeschüler Michael hatte Angst vor ihnen. Wer hätte geglaubt, dass auch dem erwachsenen Mann diese Alies noch in den Knochen steckt?

Was Daniel Wisser, 1971 geboren in Klagenfurt, da zu Papier gebracht hat, dürfte sich besonders gut beim Vorlesen entfalten, wenn die Stimme den vielen Nuancen im Text noch weitere hinzufügt. Der Autor ist ja außerdem Musiker und Performance-Künstler. »Ich habe viel gelacht. So ein trauriges Buch«, wird Schriftstellerkollege Clemens Setz auf dem Buchumschlag zitiert. »Und wie klar und räumlich die Welt einem dabei wird, fast wird man selbst durchsichtig beim Lesen.« Alles so alltäglich und doch auch wieder nicht. Österreichische Provinz, wo jeder irgendwie jeden kennt und unter der Oberfläche viel Verschwiegenes brodelt. Verborgene Dramen. Manches können wir nur erraten, vieles wissen die Gestalten selber nicht so genau.

Weshalb das Buch bei aller Komik in der Tiefe etwas Trauriges hat? Weil wir vermuten können, dass jede und jeder hier unverwirklichte Träume mit sich trägt, die weit über das hinausweisen, was sie oder er lebt. Abgebrochen und vergraben ein Stück Seele. Vor sich selber verborgen. Und kaum eine Chance, es wiederzufinden und lebendig zu machen.

Michael Braun versucht es am Schluss: Dr. Schupp liegt in der Wohnung seiner Mutter. In der Jackentasche steckt sein Hausschlüssel. »Braun nahm den Schlüsselbund und rannte ... Braun durchsuchte die Garage, den Keller und den Dachboden. Er suchte nach versteckten Türen oder Abgängen, Verschlägen oder Luken … Zwei Polizisten standen neben ihm. Man forderte ihn auf, nach draußen zu gehen.« Derweil stand die Mutter, dünn bekleidet, neben dem Polizeiauto. »Ihr Blick war immer noch derselbe wie vorhin, als die Rettung Ronald Schupp aus ihrem Haus abtransportiert hatte.«

Daniel Wisser: Löwen in der Einöde. Roman. Jung und Jung. 126 S., geb., 17 €.

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