Ein begehrter Rohstoff

Die weibliche Eizelle wird zunehmend gefragter - sei es zur Erfüllung eines Kinderwunsches oder zum therapeutischen Klonen

  • Guido Sprügel
  • Lesedauer: 5 Min.
Ihre Leidensgeschichte haben Christoph und Ines Schmid ins Internet gestellt. Das Paar aus Hofbieber wünscht sich seit Jahren ein Kind, doch produzieren die Eierstöcke von Ines keine gesunden Eizellen. Also griff das Paar auf gespendete Eizellen zurück, die mit dem Sperma des Mannes befruchtet wurden. Nur - in Deutschland ist diese Form der künstlichen Befruchtung (IVF) vom Embryonenschutzgesetz verboten. Eine halbe Weltreise hat das Paar hinter sich - von Brno in Tschechien über Bratislava in der Slowakei und Kapstadt in Südafrika - nachzulesen auf ihrer Internetseite. Das Echo auf Presseberichte über ihren Fall allerdings war nicht selten negativ. Kritisiert wurde das Paar dafür, dass es über die Herkunft der Spenderinnen kein Wort verliert. Und über deren Risiken bei der Entnahme der Eizellen auch nicht. Denn die Gewinnung der Eizellen ist keineswegs ein harmloser medizinischer Eingriff: Neben täglichen Hormonspritzen, die die Eizellproduktion anregen, bis hin zum Absaugen der Eizellen unter Ultraschall - jeder »Arbeitsschritt« birgt Risiken in sich. »Fast jede fünfte Frau klagt über einen aufgeblähten Bauch«, beschreibt Ingrid Schneider vom Hamburger Forschungszentrum für Biotechnik, Gesellschaft und Umwelt die möglichen Gefahren. Und das ist nur eine mögliche Nebenwirkung. Häufig werden Gefühlsschwankungen und Übelkeit aufgrund der Hormongabe beobachtet. Aber auch lebensbedrohliche Nebenwirkungen wie Nierenversagen, Lungenembolie oder Schlaganfälle können die Folgen der Behandlung sein (ein bis fünf Prozent). Verboten ist die Eizellspende nur in Deutschland, in der Schweiz, Österreich, Norwegen und Italien. In fast allen anderen europäischen Ländern ist sie entweder erlaubt oder nicht geregelt. Inzwischen gibt es einen regelrechten Tourismus von Frauen, die über eine Eizellspende zum ersehnten Wunschkind gelangen wollen. Spanien hat sich zum Hauptreiseziel entwickelt. Aufgrund der liberalen Regelung schossen dort die Fortpflanzungskliniken in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden. Allen voran die IVI Kliniken, die sich nahe touristischer Zentren wie Barcelona, Almeria oder Alicante ansiedeln, damit sie schnell und einfach mit Billigfliegern zu erreichen sind. In drei Sprachen wird man von der Bandansage der Klinik in Barcelona empfangen. Die deutschsprachige Marguerita Heiler ist betont freundlich und hilfsbereit am Telefon. Innerhalb eines Monats könne die Behandlung beginnen. Und obwohl die Spenderinnen nach spanischem Recht anonym bleiben müssen, bietet sie zumindest äußerliche Auswahlmöglichkeiten an: »Wenn ihre Frau und sie sehr hell, also blond und blauäugig sind, haben wir auch passende Spenderinnen - aus Russland.« Natürlich leben diese Spenderinnen in Spanien und bekommen genau wie spanische Spenderinnen 900 Euro als Aufwandsentschädigung. Mehr als 1000 Euro dürfen die Kliniken laut spanischem Gesetz nicht zahlen. Die EU-Geweberichtlinie vom April 2006 sieht nur eine »Aufwandsentschädigung« für die Spenderinnen vor. Ansonsten soll die Spende auf »der Solidarität zwischen Spenderin und Empfängerin beruhen«. Auf eine unentgeltliche Solidarität allerdings bauen die spanischen Kliniken nicht - schließlich kommen Frauen aus ganz Europa, um sich die anonymen Eizellen gegen Bezahlung einpflanzen zu lassen. Über 50 Prozent der Spenderinnen für die IVI Klinik sind Studentinnen der nahe gelegenen Universität. Dort wirbt die Klinik offensiv um Spenderinnen. »Spende Glück« - so und ähnlich werden junge Frauen angeworben. »Bei den Spenderinnen handelt es sich fast immer um unterprivilegierte Frauen, die auf das Geld angewiesen sind«, fasst Ingrid Schneider das Problem zusammen. Welche Frau aus der Mittel- und Oberschicht würde auch für 900 Euro einen riskanten medizinischen Eingriff über sich ergehen lassen, fragt Schneider weiter. Die Paare mit Kinderwunsch zahlen für die Behandlung 4500 bis 5000 Euro. Ähnliche Beträge werden auch in Osteuropa verlangt. Nur erfährt man hier selten, wie die Spenderinnen entschädigt werden. Olga Volkonskaya, an der russischen AltraVita Klinik für die ausländischen Patienten zuständig, spricht nicht über die Entlohnung der Spenderinnen: »Wir haben kein Recht, diese Frage zu beantworten. Aber sie bekommen gute Sorge.« Die ukrainische Klinik Isida zahlt den Spenderinnen umgerechnet rund 300 Euro. Viel Geld in dem armen Land, wenig, wenn man die Gewinnspanne der Kliniken sieht. Anna Záborská, Vorsitzende des Ausschusses für die Rechte der Frau im Europäischen Parlament, verurteilte die Praxis der Eizellspende in Osteuropa auf einer Anhörung zum Thema als »biotechnologische Sklaverei«. In osteuropäischen Kliniken werden die Kundinnen darüber hinaus mit einer Erfolgsquote von 45 Prozent angelockt. »Die Zahl ist viel zu hoch. Seriöse Untersuchungen gehen von einer Erfolgsrate der IVF von 15 bis 20 Prozent aus«, warnt Ingrid Schneider vor zu großen Erfolgserwartungen. Die günstigen Spenderinnen wecken auch Erwartungen bei der Forschung. In Spanien steht ein Gesetz kurz vor der Verabschiedung, das die Eizellspende auch für die Forschung erlauben soll. Klonforscher warten genau auf diesen legalen Zugriff für ihre Experimente. Und in Großbritannien hat die staatliche Behörde für Fortpflanzungsmedizin und Embryologie (HFEA) dem Stammzellinstitut in Newcastle (NESCI) bereits Mitte vergangenen Jahres erlaubt, ein Egg-Sharing-Programm einzig für Forschungszwecke einzuführen. Frauen, die eine IVF benötigen und ihre überzähligen Eizellen der Forschung geben, bekommen ihre eigene IVF deutlich günstiger. Neuerdings soll auch eine Spende nur für Forschungszwecke erlaubt werden. Bis zu 250 Pfund Aufwandsentschädigung darf das NESCI den Spenderinnen zahlen. Die Kritik an dem Programm blieb nicht aus. Die HFEA versteht die Aufregung hingegen nicht. Sie müsse sich den Fragen der Wissenschaft stellen und würde »hilfreiche Rückmeldungen bekommen, um dann eine Regelung durch die Politik beraten zu können«. Der Ruf nach einer Freigabe der Eizellspende ist in der deutschen Politik noch nicht sehr laut. Allerdings fordern immer wieder Betroffene wie die Schmids in Petitionen und Vereinen die Legalisierung der Spende und somit eine Aufweichung des Embryonenschutzgesetzes.
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