Fellfarben- Politik

Ein Spaziergang mit dem Hund könnte etwas so Entspannendes sein. In der Abendsonne mit diesem treuen, unschuldigen Wesen durch laubverwehte Straßen oder über grüne Wiesen gehen, ohne Worte, aber trotzdem zusammen. Die Gedanken schweifen lassen, die frische Luft genießen und endlich mal seine Ruhe haben.

Nix da, in Berlin kann man sich solche romantischen Träumereien gleich abschminken! Nie und nimmer, zu keiner Tages- oder Nachtzeit, wird es passieren, dass man ungestört mit seinem Hund unterwegs ist, ohne dass einen jemand anquatscht. Denn die bloße Anwesenheit dieses Vierbeiners stellt für den gemeinen Berliner bereits eine Einladung dar, dich mit seinen Gedanken zu behelligen. Als ob Hundebesitzerin zu sein bedeuten würde, dass einen die Meinung wildfremder Leute interessiert. Als ob Menschen mit Hunden irgendwie sozialer drauf wären. Wie paradox!

Zugegeben, ich habe noch Glück: Mein Hund fällt weder in die Kategorie »Kampfhund« (zu der erfahrungsgemäß meist alles gezählt wird, was eine Schulterhöhe von 15 Zentimetern überschreitet), noch sieht meine felltragende Begleitung sonst irgendwie gefährlich aus. Dennoch, einen Hund dabeizuhaben, polarisiert. Die einen kriegen beim Anblick des Tieres einen Instant-Hormonschub und kreischen in einer Frequenz los, die schon bei mir fast einen Hörsturz verursacht - was soll da erst mein Hund sagen? Und dann geht es los: Es wird gequietscht, getätschelt, ja sogar gefüttert - und das ungefragt. Gerne wird dann auch noch das Kind genötigt, an dem fremden Tier herumzufummeln. Wie übergriffig! Wäre ich an der Stelle meines Hundes, ich würde zuschnappen. Gott sei Dank ist mein Hund viel genügsamer als ich und lässt alles mit stoischer Gelassenheit über sich ergehen. Ein Glück, denn sonst hätte ich sofort die hysterische Mutter am Hals und es wäre meine Schuld, dass der ungefragt belästigte Hund versucht hat, ihren Sprössling zu zerfleischen. Und dahin ist die ersehnte Ruhe, die Ader an der Schläfe pocht.

Das tut sie auch bei der anderen Sorte Mensch, die der Anblick eines fremden Hundes übermäßig erregt: die Hater. »Verpiss dich mit deiner Töle!« und »Zieht Leine, du und dein Scheißvieh!«, das sind noch Vorschläge zur Güte. Schon erstaunlich, wie viele Menschen sich davon angegriffen fühlen, dass andere in der Öffentlichkeit mit einem Hund spazieren gehen. Ein Hund, der sie nicht einmal ansieht oder in irgendeiner Form ihres Daseins tangiert. Er nimmt ihnen nichts weg, nicht mal die Arbeitsplätze.

Statt also zu lustwandeln, muss man als Hundebesitzerin ständig auf der Hut sein vor möglichen Übergriffen und Hasstiraden. Und jedes Mal fragt man sich, was diese Menschen eigentlich für ein Problem haben. Einmal rief mir einer vom Fahrrad aus zu: »Hau ab mit deinem braunen Köter!«. Ich verstand nicht ganz - war braun schlecht, weil es nicht weiß war oder weil Braun eine Nazifarbe ist? Gilt bei Hunden inzwischen die alte Schnürsenkel-Politik von damals? Wenn das so ist, sehe ich in Berlin jedoch viel zu viele weiße Hunde - und viel zu wenig rote.

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