Die Frau, die Kafka inspirierte

Die tschechische Ikone Bozena Nemcová in einer Briefauswahl

In Tschechien gilt sie als nationale Ikone und größte einheimische Dichterin, in Deutschland ist sie fast unbekannt: Bozena Nemcová (1820-1862), geboren zu Wien unter dem Namen Barbara Novotná im Haus einer Magd und eines Kutschers. Der Verwalter eines Schlosses in Ostböhmen lehrt sie als Kind Begeisterung für die (deutsche) Sprache; von jenem Schloß wird sie später berichten, und diese Berichte - das meint der Dichter Max Brod - sollen seinen Freund Franz Kafka 1922 zu dem Roman »Das Schloß« inspiriert haben.
Mit siebzehn heiratet Barbara einen Finanzbeamten, Josef Nemec. Nemec und Familie ziehen von einem Dienstort zum anderen, quer durch Böhmen, bis nach Ungarn. Der k.u.k.-Bedienstete ist tschechischer Patriot (nach der Revolution von 1848 wird er verfolgt), die Obsession für die nationale Sache erfaßt auch seine Frau. Anfang der 1840er gelangt sie in Prag in den Kreis der jungen tschechischen Elite. Sie verbrennt ihre deutsch geschriebenen Prosaversuche und publiziert ein erstes Gedicht in der zweiten Sprache, einen glühend patriotischen Appell, »Zenám Ceským« (An die tschechischen Frauen). Gezeichnet: Bozena Nemcová. Ab 1845 hat sie Erfolg mit Sammlungen von Volksmärchen und Sagen.
Berühmt wird die Erzählerin mit einem 1855 gedruckten Werk, »Babicka« (Die Großmutter). In Zeiten des Unglücks sich selber zum Trost geschrieben, birgt das Buch (nach Max Brod »ein idyllischer Roman von herzenszarter Einfachheit«) die geschönten Erinnerungen an eine heile Kindheitswelt.
Sieben Jahre nach »Babicka« stirbt Bozena Nemcová in Prag erst 42-jährig an Krebs. Tausende kommen zu ihrem Begräbnis; sie erleben die Geburt eines doppelten Mythos': Bozena, die Leidende, Bozena, die Kämpferin. Als Verfasserin einer rückwärts gewandten Utopie von der »guten alten Zeit« wird sie (wie ihre »Babicka«) zur Identifikationsfigur. Das Buch erlebt in seiner Sprache über 350 Auflagen - das angeblich populärste Erzählwerk der tschechischen Literatur.
Romantisch ist die Prosa der Bozena Nemcová, biedermeierlich verspielt, bisweilen kitschig. Ganz anders zeigt sich die Autorin in ihrer Korrespondenz. Unzählige Briefe hat sie geschrieben - an die Kinder, den Mann, an Freundinnen, Verleger und Weggefährten -, und diese Briefe sind oft literarische Kunststücke. Sie entwirft dramatische Szenen einer zerbrechenden Ehe, sie bestürmt wechselnde Liebhaber, sie schildert die häusliche Not und am Ende die Krankheit. In diesen Briefen zeigt sich Bozena Nemcová so, wie sie war: eine moderne Frau, deren Lebensentwürfe nicht in die Zeit passten.
Ab 1900 verdrängte der Glanz der Korrespondenz den des epischen Werks. Im Rahmen ihrer »Tschechischen Bibliothek« (einer 33 Bände umfassenden Sammlung, die die Aufmerksamkeit auf die Literatur unseres östlichen Nachbarn lenken will) hat die Deutsche Verlags-Anstalt jetzt erstmals eine Auswahl ins Deutsche gebracht, ergänzt um mehrere Essays.
Besonders anrührend ist Bozena Nemcovás letzter bekannter Text, ein Brief an einen Freund (»Lieber Vojtech!«), dreimal begonnen, dreimal abgebrochen. (Die Arbeit an den Entwürfen wurde 2005 zur Grundlage eines Kinofilms, »Durch diese Nacht sehe ich keinen einzigen Stern«, mit Corinna Harfouch.) Das Fragment vom 21. November 1861 ist ein 25 Seiten starkes Dokument der Tragik, Report über eine letzte missglückte Flucht: »... als ich aus Prag wegfuhr, war ich entschlossen, nie mehr zu meinem Mann zurückzukehren, denn ich habe im letzten Monat so viel von ihm erdulden müssen. In den Wirtshäusern hat er mich verleumdet. "Du Luder, du krepierst eines Tages hinter einem Zaun, auf dich wird man nicht einmal spucken!" - und so ging es Tag für Tag.« Zwei Monate nach der Niederschrift dieser Zeilen ist sie tot.
Kafka liest die »Babicka« vier Jahrzehnte später im Gymnasium. Noch später wird er die »Sprachmusik« der Autorin loben, die Leidenschaft und Lieblichkeit, ihre hellsichtige Klugheit. Und über Korrespondenzen in Buchform notiert er 1917, er habe von jenen, die auf tschechisch vorliegen, eben die beste gelesen, »eine Briefwechselauswahl der Bozena Nemcová, unerschöpflich für Menschenerkenntnis«.

Bozena Nemcová: Mich zwingt nichts als die Liebe. Briefe. Aus dem Tschechischen von Kristina Kallert. Ausgewählt von Eckhard Thiele. Deutsche Verlags-Anstalt. 432 S., geb., 19,90 EUR.

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