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Das Gesetz des Volkes?

Studentenprotest gegen Restaurationspolitik - das Wartburgfest vor 200 Jahren. Von Gerd Fesser

  • Gerd Fesser
  • Lesedauer: 4 Min.

Man schrieb das Jahr 1817. Am Vormittag des 18. Oktober zogen etwa 500 Studenten feierlich von Eisenach zur Wartburg hinauf. Dem Zug wurde eine rot-schwarz-rote Fahne mit goldenen Fransen und einem aufgestickten goldenen Eichenzweig vorangetragen - Vorläufer der deutschen Nationalflagge. Die Studenten zogen auf die Burg, um dort zweier historischer Ereignisse zu gedenken und sie zu feiern: den Thesenanschlag Martin Luthers am 31. Oktober 1517 und den vierten Jahrestag der Völkerschlacht bei Leipzig am 18. Oktober 1813. Der populäre Großherzog von Sachsen-Weimar-Eisenach und Freund Goethes, Carl August, hatte die Feier genehmigt und den Studenten die Wartburg zur Verfügung gestellt.

Die Einladung zu dem Treffen war von der Jenaischen Burschenschaft ausgegangen. An mehreren Universitäten hatten sich seit 1815 solche Studentenvereine gebildet. Die Jenaische Burschenschaft war am 12. Juni jenes Jahres im Gasthof »Grüne Tanne« gegründet worden. Die Burschenschaften waren die Avantgarde und die Jugendorganisation der deutschen Nationalbewegung, die sich seit 1806 formiert hatte. Sie protestierten gegen die Restaurationspolitik der deutschen Fürsten und gegen die fortbestehende Kleinstaaterei, forderten eine staatliche Einigung Deutschlands und bürgerliche Freiheitsrechte. Der Jenaer Theologiestudent und ehemalige Lützower Jäger Heinrich Hermann Riemann artikulierte diese, damals sehr progressiven Forderungen in seiner Festrede. Vier namhafte Professoren der Jenaer Universität, die die Bestrebungen ihrer Studenten unterstützten, waren mit auf die Burg gekommen: der Philosoph Jakob Friedrich Fries, der Mediziner Dietrich Georg Kieser, der Naturforscher Lorenz Oken und der Jurist Christian Wilhelm Schweitzer.

Das Wartburgfest war die erste politische Kundgebung in Deutschland von nationaler Dimension. Die Protestaktion der Studenten erregte enormes Aufsehen. Insbesondere die Verbrennungsszene am Abend des 18. Oktober auf dem Wartenberg. Hier überantwortete der Student Hans Ferdinand Maßmann, ein Schüler des »Turnvaters« Friedrich Ludwig Jahn, 28 Bücher reaktionärer und »undeutscher« Autoren den Flammen - wobei es sich nur um einen symbolischen Akt handelte, nicht wirkliche Bücher, sondern Makulatur wurde verbrannt. Allerdings waren auch der »Code Napoleon«, das erste bedeutsame bürgerliche Gesetzeswerk der Neuzeit, und die Schrift »Die Germanomanie« des jüdischen Autors Saul Ascher dabei (was man faktisch als Menetekel für spätere reaktionäre Züge in der Studentenbewegung deuten könnte). Die Regierenden Preußens und Österreichs witterten jedenfalls eine »jakobinische Verschwörung«. Der Jenaer Geschichtsprofessor Heinrich Luden, der auf der Seite der protestierenden Studenten stand, wollte dem entgegenwirken. Er forderte seinen Schüler Riemann und den Studenten Karl Johann Heinrich Müller auf, die Ziele der Burschenschaften schriftlich niederzulegen, um so zu demonstrieren, dass diese keineswegs revolutionär gesinnt seien. Unter der Anleitung Ludens arbeiteten Riemann und Müller zum Ende des Jahres 1817 die »Grundsätze und Beschlüsse des 18. Oktober« aus - das liberal-gemäßigte Programm einer Umgestaltung Deutschlands. Zwei der Kernsätze lauteten: »Der Wille des Fürsten ist nicht Gesetz des Volkes, sondern das Gesetz des Volkes soll Wille des Fürsten sein.« Und: »Die Leibeigenschaft ist das Ungerechteste und Verabscheuungswürdigste.«

Im Oktober 1818 schlossen sich die Burschenschaften zur Allgemeinen Deutschen Burschenschaft zusammen. Fünf Monate später ermordete der Jenaer Theologiestudent Carl Ludwig Sand den Literaten August von Kotzebue, der als zaristischer Agent galt. Diese Mordtat lieferte dem leitenden Staatsmann Österreichs, Fürst Metternich, den hochwillkommenen Anlass, die Burschenschaften auf der Grundlage der berüchtigten »Karlsbader Beschlüsse« verbieten zu lassen. Auch die Turnbewegung wurde verboten. Der Bundestag in Frankfurt am Main nahm vier Ausnahmegesetze an, die u. a. bestimmten: Mitglieder der Burschenschaften sollten von öffentlichen Ämtern ferngehalten werden, missliebige Professoren und Lehrer entlassen werden.

Es begannen die sogenannten Demagogenverfolgungen. Zahlreiche Burschenschafter wurden eingekerkert oder in die Emigration getrieben. 1836 verurteilte das Berliner Kammergericht 39 Studenten, darunter den späteren Schriftsteller Fritz Reuter, wegen Zugehörigkeit zur Burschenschaft zum Tode. Die Urteile wurden nicht vollstreckt.

Die »Demagogenverfolgungen« richteten sich auch gegen Mentoren der Burschenschaften und Wortführer der liberalen und nationalen Bewegung. So wurde der Greifswalder Universitätsprofessor Ernst Moritz Arndt entlassen sowie Jahn jahrelang in Haft gehalten und schließlich in Freyburg an der Unstrut unter Polizeiaufsicht gestellt. Fries durfte nicht mehr über Philosophie lesen. Erst die Märzrevolution von 1848 zog dann einen Schlussstrich unter die Ära Metternich.

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