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Ojub Titiew in Grosny verhaftet

  • Bernhard Clasen
  • Lesedauer: 3 Min.

Ojub Titiew, der Leiter des Büros der russischen Menschenrechtsorganisation »Memorial« im tschetschenischen Grosny, ist am Dienstag auf dem Weg zur Arbeit verhaftet worden. Bei einer Kontrolle seines Wagens habe die Polizei 180 Gramm eines Stoffes entdeckt, dem der typische Geruch von Marihuana anhafte, berichtet die Nachrichtenagentur TASS unter Berufung auf das tschetschenische Innenministerium.

Seit 2000 arbeitet der in Tschetschenien lebende Titiew für »Memorial«, habe aber auch viele Jahre für die »Zivile Unterstützung« gearbeitet, berichtet die russische Menschenrechtlerin Swetlana Gannuschkina zum »nd«. Schwerpunkt seiner Arbeit seien die Aufdeckung von Diskriminierungen gegen Tschetschenen im russischen Strafvollzug und die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien gewesen, so Gannuschkina. Seit dem Mord an seiner Vorgängerin, der 2009 entführten und ermordeten Natalja Estemirowa, ist Titiew Leiter des »Memorial«-Büros in Grosny.

In einer ersten Reaktion verurteilten russische Menschenrechtler die Verhaftung. Er kenne Titiew seit Jahren, äußerte sich Alexander Tscherkassow auf Facebook, der selbst mehrere Jahre Vorsitzender des »Menschenrechtszentrums Memorial« war. Der Mann sei Sportler, habe nie etwas mit Drogen zu tun gehabt. Der Vorwurf des Drogenbesitzes sei an den Haaren herbeigezogen. Auch Michail Fedotow, Vorsitzender des beim russischen Präsidenten angesiedelten Menschenrechtsrates, schloss laut eines Berichts der russischen Nachrichtenagentur TASS nicht aus, dass man Titiew bewusst Drogen untergeschoben habe.

Die Verhaftung von Titiew, so Tanja Lokschina von »Human Rights Watch«, sei ein weiterer Versuch, einen Kritiker hinter Gittern zu bringen. Als Menschenrechtler tätig zu sein, sei gefährlich, schrieb die Menschenrechtlerin Nelli Ratkevich in einem Facebook-Beitrag. Man müsse sich wohl in Zukunft besser die Taschen zunähen, um zu verhindern, dass einem Drogen untergeschoben werden. »Oder vielleicht auch den Mund« schiebt sie nach.

Tschetscheniens Hauptstadt Grosny, die nach zwei Kriegen weitgehend zerstört war, ist inzwischen wieder aufgebaut, von den Kriegen nichts mehr zu sehen. Cafés und Restaurants säumen die Straßen, in der Stadtmitte steht inzwischen die größte Moschee Russlands.

Doch immer noch hält Gewalt große Teile der Bevölkerung in Angst und Schrecken. Im vergangenen Jahr berichteten die Zeitung »Nowaja Gazeta« und »Memorial« von Dutzenden homosexueller Männern, die in Tschetschenien entführt, gefoltert und ermordet wurden. Menschenrechtlern sind zahlreiche Fälle von Frauen bekannt, die ermordet wurden, weil sie nicht bereit waren, nach den strengen Vorstellungen ihrer Väter und Brüder zu leben und sich weigerten, einen Mann zu heiraten, den ihre Familie für sie ausgesucht hatte. Frauen, die sich nicht der rigorosen Sexualmoral ihrer Familie unterordnen, fürchten um ihr Leben. Gannuschkina kennt junge tschetschenische Frauen, die von Familienangehörigen aus Deutschland nach Tschetschenien entführt wurden, um zwangsverheiratet zu werden.

Bei einer Verurteilung drohen Titiew zehn Jahre Haft. Kollegen von Titiew fürchten nun auch um die Sicherheit der Familie des 60-Jährigen.

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