Mehr Politik mit Nebenwirkungen

Bildungssenatorin will Politische Bildung an den Oberschulen stärken / Das Fach Ethik könnte darunter leiden

  • Jérôme Lombard
  • Lesedauer: 3 Min.

Berlins Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) will das Schulfach Politische Bildung an weiterführenden Schulen ab dem kommenden Schuljahr stärken. »Das Fach Politische Bildung wird in den Berliner Schulen sichtbar verankert und zukünftig ein benotetes Zeugnisfach«, teilte Scheeres kürzlich bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit dem Landesschülerausschuss (LSA) mit. Die Schülervertreter hatten seit Jahren bemängelt, dass die Politische Bildung im Fächerkanon der Gymnasien und Sekundarschulen bisher eine zu geringe Rolle spielen würde.

Nach den Plänen der Bildungssenatorin sollen die Fächer Geschichte, Politische Bildung, Geografie und Ethik je Doppeljahrgang mit einem maximalen gemeinsamen Stundenkontingent ausgewiesen werden. Bisher war das Fach Politische Bildung in einem gemeinsamen Lernbereich mit Geschichte zusammengefasst. Zudem soll für alle Fächer der Anteil von mindestens beziehungsweise maximal zu erteilendem Unterricht festgelegt werden. Die Gesamtzahl der Stunden für die vier Fächer innerhalb von zwei Schuljahren soll nach den Vorstellungen der Bildungsverwaltung unverändert bleiben. Somit würden die Schüler nicht durch zusätzlich anfallende Unterrichtsstunden belastet werden, erläuterte Scheeres. An den Gymnasien soll der neue Lernbereich Gesellschaftswissenschaften in den Doppeljahrgangsstufen 7/8 und 9/10 mit jeweils zehn Stunden und in den Sekundarschulen mit jeweils acht Stunden ausgestattet sein.

Mit der Kontingentlösung sei sichergestellt, dass die Stärkung der Politischen Bildung nicht auf Kosten der anderen geisteswissenschaftlichen Fächer gehe, erläuterte Scheeres. »Durch den neuen Lernbereich können Profile zum Beispiel im Bereich des interkulturellen Lernens und der Demokratieerziehung gestärkt werden«, sagte die Bildungssenatorin.

Der Berliner Landesverband der Deutschen Vereinigung für Politische Bildung (DVPB) e.V. begrüßte die Pläne der Bildungssenatorin als einen Schritt in die richtige Richtung. »Die Ausweisung des Unterrichtsfaches Politische Bildung auf dem Zeugnis ist eine begrüßenswerte Entwicklung und ein längst überfälliger Schritt«, sagte der stellvertretende Landesvorsitzende der DVPB Steve Kenner.

Allerdings würde durch den Zusammenschluss der gesellschaftswissenschaftlichen Fächer das Stundenkontingent pro Fach gar nicht erhöht. Die vorgesehenen zehn Stunden am Gymnasium und acht Stunden an der Sekundarschule seien bereits jetzt schon der Status Quo. Die Quoren könnten mit dem neuen Modell lediglich von den einzelnen Schulen je Fach individuell unterschiedlich gewichtet werden. »Das bedeutet, dass pro Fach der Gesellschaftswissenschaften nur maximal eine Stunde im Schuljahr zur Verfügung steht«, kritisierte Sabine Achour, Vorsitzende des Landesverbandes der DVPB. Für die Stärkung der Politischen Bildung an Schulen seien weitere Schritte notwendig.

Kritik kommt auch vom Berliner Ableger des Fachverbands Ethik. In einer gemeinsamen Erklärung mit den Fachverbänden Geschichte, Geografie und Philosophie fordert der Verband die Rücknahme von Scheeres’ Entscheidung zur Kontingentlösung. »Falls die Entscheidung der Senatorin umgesetzt wird, würde der gesellschaftswissenschaftliche Bereich an den Gymnasien nicht gestärkt«, heißt es in der Erklärung.

Die Fachverbände befürchten insbesondere, dass das Fach Ethik mit dem neuen Modell an Stunden verlieren könnte. Die Berliner Schülervertreter vom LSA halten dagegen. »Mit der Kontingentlösung sehen wir eine Chance für die Schulen, eigene Lösungen für die Stundenverteilungen zu finden, welche an die Fachzusammensetzung des jeweiligen Schulkollegiums angepasst sind«, heißt es dazu auf der Internetseite des LSA.

Werde Mitglied der nd.Genossenschaft!
Seit dem 1. Januar 2022 wird das »nd« als unabhängige linke Zeitung herausgeben, welche der Belegschaft und den Leser*innen gehört. Sei dabei und unterstütze als Genossenschaftsmitglied Medienvielfalt und sichtbare linke Positionen. Jetzt die Beitrittserklärung ausfüllen.
Mehr Infos auf www.dasnd.de/genossenschaft

Linken, unabhängigen Journalismus stärken!

Mehr und mehr Menschen lesen digital und sehr gern kostenfrei. Wir stehen mit unserem freiwilligen Bezahlmodell dafür ein, dass uns auch diejenigen lesen können, deren Einkommen für ein Abonnement nicht ausreicht. Damit wir weiterhin Journalismus mit dem Anspruch machen können, marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen, Themen zu recherchieren, die in den großen bürgerlichen Medien nicht vor- oder zu kurz kommen, und aktuelle Themen aus linker Perspektive zu beleuchten, brauchen wir eure Unterstützung.

Hilf mit bei einer solidarischen Finanzierung und unterstütze das »nd« mit einem Beitrag deiner Wahl.

Unterstützen über:
  • PayPal