Europa, altes Sodom

Moyshe Kulbak: Gedichte über Berlin der 1920er

  • Thomas Möbius
  • Lesedauer: 3 Min.

Als Moyshe Kulbak (1896- 1937) 1920 nach Berlin kam, war er in Litauen und Weißrussland schon ein Star der jungen jiddischen Literatur. Seine Gedichte wurden als Lieder gesungen, und seine Lesungen zogen die Jugend an. Drei Jahre lebte Kulbak in Berlin, dann kehrte er nach Vilnius zurück. Seine Berliner Erfahrungen verarbeitete er in dem 1928 bis 1933 geschriebenen Gedichtzyklus »Childe Harold aus Disna«. Ein Zeugnis jiddischer Großstadtlyrik, das nun erstmals auf Deutsch erschienen ist.

»Vivat, Europa! …/ O, Land! Wo die Elektrik fließt/ in Drähten, und in den Adern - Champagner;/ wo jeder Arbeiter ein Marxist,/ und jeder Krämer ein Kantianer.«

So begrüßt Pfeifenmann, Protagonist des Poems und Alter Ego Kulbaks, Berlin bei seiner Ankunft. Wie Kulbak kommt er nach Berlin, um zu studieren. Was er studiert, ist die Großstadt. Mit scharfem Blick und im spöttischen, ironischen Ton - das Vorbild ist Heine - zeichnet Kulbak ein Bild des brodelnden Berlins der zwanziger Jahre mit seinen sozialen Gegensätzen und politischen Unruhen. Sein Pfeifenmann erkundet die Stadt, streift durch die Künstlerkreise, stürzt sich ins wilde Nachtleben, besucht Boxkämpfe. Man ist an die Bilder von George Grosz und Otto Dix erinnert, wie Kulbak die Reichen und Satten zeigt und die kulturelle Fassade entlarvt.

»Das weiße Serviettchen rings herum festgesteckt,/die Glatzen spiegeln sich im Teller,/ es friert im Eimerchen das Fläschchen Sekt -/ was kann denn sein, mein Freund, kultureller?«

Der Welt des Glamour mit seinem käuflichen Amüsement und der abgehobenen Künstlerexistenz, dem »philosophisch-blauen Rauch des Was-auch-immer-man-will-hören-und-gedenken«, stellt Kulbak das proletarische Berlin gegenüber: »das zweite Deutschland«. In düsteren und blutigen Bildern beschreibt er Not und Gewalt: Hungerdemonstrationen, die Allianz der Rüstungsbarone mit dem Staat und den alten Eliten, Streiks, Straßen- und Barrikadenkämpfe. Im letzten Gedicht prophezeit er die Revolution und den Untergang des alten Europas.

»Europa, Europa, wir recken/ ein großes Schwert für dich./ Auf Betten, ungemacht,/ du sündigst - altes Sodom!/ Goethe und Beethoven niedergemacht/ und ebenso den Kölner Dom!«

Am Anfang die Sehnsucht nach Europa, am Ende der Abgesang auf die europäische Kultur? Kulbak war 1928 aus Vilnius in die Sowjetunion nach Minsk übergesiedelt. Als »Childe Harold aus Disna« 1933 erschien, lobte der Literaturkritiker Jasche Bronstein Kulbak für dessen »Bruch mit der Vergangenheit«: Kulbak zeige in seinem Gedicht »die Lehre und Fruchtlosigkeit der jüdischen Künstlerexistenz und der dekadenten Kleinbürger, die ihre ›geistigen Schätze‹ in den Hinterhöfen der europäischen Kultur sammelten«. Das ist im Kontext der damaligen Debatten um das Verhältnis zur westlichen Moderne und der Verteidigungsnot der Autoren, die aus ihr kamen, zu lesen. Heute ist »Childe Harold aus Disna« als Ausdruck einer Stimme wiederzuentdecken, die die jiddische Literatur in eben diese Moderne einschrieb.

Moyshe Kulbak: Childe Harold aus Disna. Gedichte über Berlin. Aus dem Jiddischen von Sophie Lichtenstein. edition fotoTAPETA, 96 S., br., 10,95 €.

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