Rettung vor dem Abspann?

»Aus meinem Schattenreich« - neue Gedichte von Günter Kunert

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 5 Min.

Wie soll man existieren, nun, da die Würfel gefallen sind? Das ist des Dichters Existenzfrage. Und die Würfel sind immer schon gefallen - an jedem Morgen des Erwachens und zu jedem Zeitpunkt, da sich der Mensch im Hochgefühl freien Handelns wähnt und in wohlfeiler Frische leider wieder und wieder zum Geschichtemachen neigt. Günter Kunerts neue Sammlung von Gedichten, »Aus meinem Schattenreich«, blicken auf die scheinbar großen Möglichkeiten des Daseins mit immerfrischer Bereitschaft, den Kopf zu schütteln. Im lyrischen Werk des gebürtigen Berliners, der seit Jahrzehnten bei Itzehoe wohnt, dominiert der inständige Ton von Zurücknahme und Vorsicht. Am erträglichsten ist Leben, wenn es ungetrübt sein darf von den Heilslehren, die jeder Zukunft herausgehen.

Dieser Poet des »bloßen Menschen«, längst ein moderner Klassiker der deutschen Literatur, lebt eingepolstert in die Wonnen eines gesegneten Einsamseins. Im neuen Band legt er Verse vor über Holpersteine und Stolpersteine, Telefon und Auto, über Amundsen und die Berliner U-Bahn, Folteropfer und Goethe, Hiddensee und den Grand Canyon. Und über die Katze, die auf dem Fensterbrett sitzt und vergeblich auf jenen Vogel wartet, der sich bereitwillig niedersetzt - um sich fangen und fressen zu lassen, »sie hofft auf ein Wunder,/ als wäre sie/ Unseresgleichen«. Präziser kann menschlicher Zugriffswahn nicht erfasst werden.

Aus der fortgesetzten Aufkündigung falscher Hoffnungen spricht die evolutionär unterlegte Lehre vom Nutzen der Selbstbezüglichkeit. Mag mancher zum Einschlafen die berühmten Schafe zählen, Kunert macht in seinen bedachtsam fließenden, mitunter geradezu epitaphoren Versen den Eindruck, als zähle er die historischen Augenblicke und fände so bestens zu gedeihlicher Tiefst-Ruhe. »Wo immer wir uns befinden,/ stets heißt das letzte Wort: Verzicht«. Der Autor kommt sich vor wie einer, der im Film erschossen wird, vornüber fällt, »doch so langsam, als zögerte ich/ den Tod so lange hinaus, dass/ er mir am Ende noch eine Chance/ gibt, vor dem Abspann gerettet/ zu werden.«

Dieser Skeptiker ist ein deutscher Bruder des genial aufmunternden Schwarzsehers E. M. Ciorans. Aus ihm spricht der erfahrene Prophet - der vor Gefahren warnt, bereits zu Lebzeiten in festgefahrenen Weltbildern abzusterben. Im Aufbauwerk der Ideologien sieht er die Zukunft der Archäologen: Sie werden die Scherben ordnen. Trefflich die Definition von Historikern, diesen »generationsweise Blinden«.

Tages- und Jahreszeiten, Träume, Reisen, das Alter, die Zeitläufe, das Gemüt, Sex und Eros, Kulturverluste und Weltende - Günter Kunert streift mit lustvoller Absichtslosigkeit und »schlussbänglich« durchs große Ganze, das ihm fortwährend zerfällt. Er ist ein Artist der stimmungsdicht verbundenen Einzelteile. Er steht auf einer Warte, die nicht zu vergesellschaften ist, aber erst von dieser Warte aus ist das Gesellschaftliche sichtbar. Das eigene Dasein nicht mehr als Entwicklungsroman, sondern eher Frucht und Teil einer Serie: Es läuft auf nichts hinaus, es gleicht einer unabsehbaren Reihung von überraschenden, willkürlichen Episoden, aber auf Grund welcher Ursachen? Man kann einzelne Folgen auslassen, aber bleibt doch innerhalb desselben Flusses.

Vor Jahren schrieb Kunert Verse, die mir auch angesichts des neuen Buches den Kopf durchrütteln: Wo Brecht von den wandernden Steinen am Grunde der Moldau sang und damit ein Lied des stetigen (fortschrittsgewissen) Weltwandels anstimmte, da zieht Kunert ein anderes Fazit aller Bewegung: »Am Grunde die Steine/ wandern weiter/ zum Meer und bitten/ die Tiefe um Asyl.« Brechts »Maske des Bösen« ruft er auf - welche Freundlichkeit inzwischen, welche Güte nunmehr, welche Friedfertigkeit im Wandel der Zeiten, »wären da nur nicht/ in den Mundwinkeln/ diese Blutstropfen/ beim Lächeln«. Besserung? Wechsel der Regimes? Änderung der Zeiten? In diesem Moment, jetzt wie immer, »werden Momente vorbereitet,/ die sich von den vorigen/ durch das Datum unterscheiden«.

Dieser Dichter schreibt Angst in Souveränität um. Moderne Angst besteht nicht mehr darin, aus der Gesellschaft zu fallen, sondern ihr nicht mehr entgehen zu können. Es ist eine Angst, die nicht mehr darin besteht, ins Abseits zu fallen, sondern es nirgends mehr zu finden. Denn überall tuscheln die Floskeln, die Trends. Wo früher ein »Ich« war, sind stets schon die anderen. Wir werden bestürmt von Oberfläche, die sich in uns hineinlächelt und uns in die Zerfaserung treibt. Gesichter rundum sehen aus »wie künftige Suchanzeigen/ einer Behörde im Nirgendwo« - dagegen setzen diese Verse einen mitunter heiteren Grimm: Eulenspiegel bittet um Audienz bei Kafka und höhnt zart gegen den vermeintlich höheren Sinn von Engagement. Ausdauernd will der Mensch ideentreu sein und landet in der Isolation; immer will er frei sein und endet in der Anpassung. Will Herr seiner Intentionen werden und lebt sich resoluten Geistes hinein ins unabweisbare Unglück - resultierend aus sturer Verweigerung der Erkenntnis, dass Leben weder zu lenken noch zu begreifen ist.

Im leidenschaftlichen Nachvollzug der irrwitzigen Aspekte des gesellschaftlichen und natürlichen Lebens weiß der Autor freilich um die eigene Gebundenheit - just an die Gegenstände seiner Aversion. So sind diese Gedichte, wo sie das Leben als »Abtötungsverfahren« offenbaren (so hieß ein früherer Band), doch hier und da auch durchpulst von mitfühlender Wehmut. Bis der permanent verschüchterte Dichter dann doch wieder gnadenlos diagnostiziert. Denn wahr ist nur der lernschwache Mensch. Der vor allem eines gern vergisst: dass der sogenannte Gang der Geschichte ein Gewaltmarsch ist, der Gedächtnislücken produziert - in denen immer wieder der verhängnisvolle Gesang von Utopia keimt. Die beständige Lehre aus den Katastrophen? »Am Morgen zogen die Überlebenden/ wieder in die Munitionsfabriken,/ die Fremden in der Ferne/ die eigene Angst zu lehren«.

Günter Kunert: Aus meinem Schattenreich. Gedichte. Hrsg. von Wolfram Benda. Hanser, 120 S., geb., 18 €.

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