Der nicht wegschaute

Zivilcourage ist keine Selbstverständlichkeit - ein Beispiel für einen beherzten Bürger, der seine gesellschaftliche Verantwortung wahrnahm

  • Daniel Tautz
  • Lesedauer: 3 Min.

Es ist ein kalter Dienstagabend, als Johannes Hochberger den S-Bahnhof Zehlendorf verlässt. Es ist der 20. Februar, kurz nach 21 Uhr. Über seinem Anzug trägt der Jurist eine dicke Jacke. Sein Hotel liegt nur wenige Minuten Fußweg entfernt im schummrigen Licht der laternengesäumten Straße. Dass Hochberger sein Zimmer erst spät in der Nacht erreichen wird, ahnt er da noch nicht.

Auf Höhe einer Bushaltestelle wankt ein Mann auf ihn zu, er ruft lautstark um Hilfe und blutet aus einer Wunde am Hals. Die Polizei wird den 48-Jährigen später nur als »den Verletzten« führen. »Der Angreifer« steht noch ein paar Meter entfernt, im Dunkeln zwischen zwei parkenden Autos, ein französisches Klappmesser in den Händen. Hochberger übergibt den Verletzten in die Obhut umherstehender Passanten, ohne dabei den Blick vom mutmaßlichen Messerstecher zu lassen.

Als sich dieser in Bewegung setzt, nimmt der in Thüringen lebende Hochberger die Verfolgung auf - mit 15 Metern Abstand und der Polizei am Telefon.

Knapp fünf Monate später steht Hochberger in der Polizeidirektion 4 im Südwesten Berlins. Stolz und entschlossen blickt er in eine Fernsehkamera, während ihm Kriminaldirektorin Elke Plathe eine Urkunde überreicht. »Herr Hochberger hat uns mit seiner uneigennützigen und mutigen Tat stark unterstützt«, erklärt Plathe. »Für diese Zivilcourage möchten wir ihn heute offiziell ehren.« Sie schüttelt kräftig seine Hand und überreicht ihm einen Umschlag mit 60 Euro. Hochberger habe sich intuitiv richtig verhalten, lobt die Kriminaldirektorin weiter. Dabei habe er sich zum ersten Mal in einer derartigen Situation befunden. »In so einem Moment kann man nicht rational nachdenken«, erklärt er selbst. »Ich stand so unter Adrenalin, da handelt man einfach.«

Dem Polizeibericht vom 21. Februar zufolge verließ das Opfer einen Bus am S-Bahnhof Zehlendorf. Dabei sei ihm ein flüchtig bekannter 28-Jähriger gefolgt, der ihn von hinten mit einem Messer angriff und schwer verletzte. Beide seien vorher in Streitigkeiten verwickelt gewesen, berichtete die Polizei.

Wenn Hochberger heute am Tatort steht, kehren die prägenden Erinnerungen zurück. Er folgte dem Täter in sicherem Abstand; dieser wechselte immer wieder die Straßenseite des Teltower Damms und versuchte in Hauseingänge zu fliehen. Hochberger rief währenddessen mehrfach bei der Polizei an, um seinen aktuellen Standort durchzugeben. »Der Mann hatte noch immer das blutige Messer in der Hand«, erinnert er sich. Da habe er schon ein bisschen Angst gehabt.

Er lief dem Täter knapp 700 Meter bis zum Gemeindewäldchen Zehlendorf hinterher. Als der Verfolgte gerade in einen Bus steigen wollte, kamen zwei Streifenwagen angerast. Hochberger winkte die Polizisten heran. Diese folgten dem flüchtenden Täter und fassten ihn in einem naheliegenden Gebüsch. Seitdem sitzt der Mann in der JVA Moabit, der Fall liegt nun beim Landgericht Berlin.

»Wer weiß, ob wir den Mann ohne die Mithilfe von Herrn Hochberger gefasst hätten«, sagt Polizeisprecher Peter Rohrmoser rückblickend. Deshalb werde sein Handeln nun auch öffentlichkeitswirksam gewürdigt. »Mit solchen Ehrungen wollen wir auch andere zur Zivilcourage aufrufen«, erklärt Rohrmoser.

Dabei gehe es nicht darum, dass sich irgendjemand in Gefahr bringen soll, so der Polizeisprecher weiter. »Am besten ist es eigentlich, wenn man in Gefahrensituationen direkt die Polizei informiert.« Denn eine Gesellschaft funktioniere nur, »wenn man beginnt hinzuschauen, statt wegzuschauen.«

Deshalb möchte sich auch Hochberger für ein besseres Miteinander einsetzen. »Bei der Verfolgung des Täters habe ich einen Mann um Mithilfe gebeten. Aber er meinte, dass seine Freundin zu Hause auf ihn warte«, berichtet er kopfschüttelnd. Er hoffe, dass sich andere ein Beispiel an ihm nehmen. »Denn man muss kein Held sein, um auf seine Mitmenschen zu achten.« dpa

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