Der »Kater Hiddigeigei«

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts zog es viele Berliner Literaten gen Süden. Bevorzugtes Reiseziel war - Jahrzehnte bevor der Massentourismus einsetzte - die italienische Insel Capri.

  • Bettina Müller
  • Lesedauer: 4 Min.

Am 3. Oktober 1904 stirbt Sanitätsrat Wilhelm Wiener in Berlin an Herzlähmung. Seinem Sohn Josef, der unter dem Namen Josef Wiener-Braunsberg als Schriftsteller wirkt, bietet das geerbte Geld des Vaters ein ausreichendes finanzielles Polster, das ihm und seiner Ehefrau Anna Pauline eine ausgiebige zweijährige Europa-Reise ermöglicht. Besonders lange hält sich das Ehepaar in Italien auf. Vor allem Capri wird für sie zum »Sehnsuchtsort«, den sie jedoch mit anderen Literaten teilen müssen. Zu den illustren und zahlreichen Gästen zählen im Laufe der Jahre unter anderem Gerhart Hauptmann, Theodor Fontane und Rainer Maria Rilke.

1908 hat Josef Wiener-Braunsberg für einen Freund einen Reiseplan erstellt, der nun als Beilage in einem Buch aus dem Besitz des Schriftstellers zum Vorschein kam. Italien zieht den ostpreußischen Literaten magisch an, und besonders Pozzuoli, westlich von Neapel am Golf von Pozzuoli gelegen, lässt ihn ins Schwärmen geraten: »An einem anderen Tag ebenfalls per Wagen nach Pozzuoli mit Serapistempel (…) Cap Misenum. Paradiesisch schön! (…) Der schönste Spaziergang ist gegen Sonnenuntergang auf dem Corso Vittore Emanuele. Man beachte den Sonnenuntergang und später, bei eintretender Dunkelheit, wie, während man selbst noch im Sonnenlichte wandelt, tief unten in den Menschenwimmelnden Strassen bereits die Gaslaternen brennen.«

Trotz gelegentlicher lyrischer Anwandlungen erscheint Wiener-Braunsberg in seiner Reisebeschreibung gelegentlich auch als »Control Freak«, der den Reiseplan überfrachtet und somit wenig Raum für spontane Aktivitäten lässt. Eindringlich warnt er zudem vor Ganoven in Neapel, wo das Verbrechen angeblich überall lauert: »Man sei in Neapel stets auf der Hut vor falschem Geld und Spitzbuben und sonstigen Gaunern. Wertsachen nicht sichtbar tragen!«

Seit 1889 verbindet ein Dampfer des »Norddeutschen Lloyds« Capri mit Neapel. Die deutschen Touristen müssen gar kein Wort italienisch können, um angenehm in den Tag hinein zu leben: Wirte, Kellner, Droschkenkutscher, Verkäufer, sie alle sind der deutschen Sprache mehr oder weniger mächtig, und schon 1889 bemerkt der örtliche Bürgermeister Serena: »L’isola è tedesca« (»Die Insel ist deutsch«). Im »Kater Hiddigeigei« auf Capri werden sie besonders aufmerksam von dem geschäftstüchtigen Ehepaar Lucia und Giuseppe Morgana betreut. Der tierische Name geht zurück auf das Versepos »Der Trompeter von Säckingen« von Joseph Victor von Scheffel, in dem sich der schwarze Kater mit dem »zuweilen hochmütigen Dulderantlitz« oft zu Wort meldet. Nach seiner Gründung in den 1860er Jahren wird der »Kater Hiddigeigei« für kaiserliche Untertanen, unter denen sich zahlreiche Berliner Künstler befinden, schnell zum »Traumschiff« auf trockenem Boden, auf dem man ihnen alle lästige Organisation abnimmt. »Uebrigens ertheilt das Café ›Zum Kater Hiddigeigei‹ alle gewünschte Auskunft. Die jungen Morganas, die zu grüssen bitte, sprechen vorzüglich deutsch und nehmen sich in liebenswürdigster Weise besonders der Deutschen an. Sie sind jederzeit erbötig, alle möglichen Dienstleistungen unentgeltlich zu übernehmen und im Bedarfsfalle den Dolmetscher zu machen.«

Deutsches Bier trinken sie in der Gaststube im bayerischen Wirtshausstil und wenn ihnen doch der Sinn nach »Abwechslung« steht, wandern sie einfach weiter: in das Café »Pilsener Urquell«, in die Käsekneipe »Zum bunten Vogel« oder in das Restaurant »Zum Alten Fritz«, dessen Name den deutschen »Spirit« am treffendsten verkörpert. In diesen Etablissements sind die Deutschen in der Regel unter sich. »Die schöne Insel Capri ist deutsch« schreibt der nationalistische Schriftsteller Hanns Heinz Ewers am 12. April 1904 in seinem Artikel »Das Fremdenbuch auf Capri« im »Berliner Tageblatt«. Im selben Jahr sorgt er selber für einen gewaltigen Eklat auf der Insel. Nach einer handfesten Prügelei beißt er im »Bunten Vogel« einem Architekten einen Teil der Nase ab, lernt daraufhin das örtliche Gefängnis von innen kennen und muss außerdem eine saftige Geldstrafe zahlen.

Auf Capri lockert sich endlich Josef Wiener-Braunsbergs innere Anspannung. Seine Ehe kriselt schon länger, zudem hat er innerhalb kurzer Zeit Vater, Mutter und Schwester beerdigen müssen. Seine Karriere plätschert schon länger mehr oder weniger dahin und er wartet auf eine neue Chance, die sich ihm nach seiner Rückkehr zunächst als Redakteur der monarchietreuen Berliner Zeitschrift »Beim Lampenschimmer« tatsächlich bieten wird. Die italienische Landschaft, das Meer, all’ das wird für ihn zur Katharsis seiner Trauer, bei dem zuweilen auch die zahlreichen kulinarischen Genüsse helfen können. Über Rom schreibt er: »Den Besuch der Caracalla-Thermen empfehle (ich), am Nachmittag zu unternehmen, danach in der anstossenden ländlichen Osteria süssen Genzano zu trinken und dann vor sinkender Sonne zu Fuss nach Rom heimwärts zu pilgern. - Man isst in Rom besonders gut in den sogenannten Rosticerien, den Kaffee nimmt man am besten und billigsten in einer der zahlreichen Konditoreien ein.«

Trotz der Traumreise nach Capri ist die Ehe nicht mehr zu retten und wird 1913 geschieden. Die Glanzzeit des »Kater Hiddigeigei« ebbt gegen Ende der 1920er Jahre kontinuierlich ab. Josef Wiener-Braunsbergs Karriere erfährt schließlich einen deutlichen Schub: 1919 übernimmt er von Kurt Tucholsky die Chefredaktion der Zeitschrift »ULK«.

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