Diagnose: Venedig-Syndrom

Der Kreuzfahrttourismus boomt - wo die Schiffe anlegen, verändern sich die Städte

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Berlin. Wer einmal von erhöhter Position beobachtet hat, wie ein ausgewachsenes Kreuzfahrtschiff am Ende eines einsamen norwegischen Fjords in einem Dörfchen mit ein paar Hundert Seelen anlegt und 3000 Menschen aussteigen, weiß, dass dies nicht ohne Folgen für die lokale Infrastruktur bleiben kann.

Kreuzfahrten boomen. Allein zwei Millionen Deutsche reisten im vergangenen Jahr auf diese Weise über die Meere, schon in drei oder vier Jahren könnten es Schätzungen zufolge drei Millionen sein. Je schöner die Hafenstädte, umso beliebter sind sie naturgemäß bei Reiseveranstaltern und Touristen. Auch wenn die meisten Besucher auf anderen Wegen anreisen, konnte man sich Venedigs Altstadt schon kaum mehr vorstellen, ohne dass sie halb von einer riesigen schwimmenden Bettenburg verstellt war. Die italienische Lagunenstadt zog Konsequenzen und will die Kreuzfahrtschiffe künftig in ein neues Terminal auf dem Festland verbannen. Aber das »Venedig-Syndrom« hat längst andere Orte befallen, die nicht nur unter den Abgasen der Schiffe leiden. Der geballte Massentourismus verändert die lokale Infrastruktur - wo zuvor noch Bäcker, Schuster und Schneider zu finden waren, gibt es nun vor allem Sonnencreme; Altstädte verlieren an Bewohnern. Im kroatischen Dubrovnik wurde den Einheimischen schon nahe gelegt, »in Stoßzeiten« zu Hause zu bleiben. Weil die UNESCO das Weltkulturerbe bedroht sah - und vielleicht auch, weil die Kreuzfahrer nicht so viel Geld brachten wie erhofft -, verringerte man die Zahl der Tagesbesucher von 20 000 auf 8000.

Aber die verbannten Kreuzfahrtschiffe haben schon ein neues Ziel: die Bucht von Kotor im benachbarten Montenegro. Die fjordähnliche Bucht gehört zum Weltnaturerbe, und Kotor hat ungefähr so viele Einwohner wie ein Kreuzfahrtschiff Kabinen. rst

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