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Der impulsivste, arroganteste und chaotischste Präsident

US-amerikanische Psychiater und Psychologen äußern sich zum Phänomen Donald Trump: Er ist eine öffentliche Gefahr

  • Von Reiner Oschmann
  • Lesedauer: 4 Min.

Die Frage im Buchtitel »Wie gefährlich ist Donald Trump?« wirkt im Jahr 2018, gut anderthalb Jahre nach dessen Amtsantritt, auf den ersten Blick veraltet, unzeitgemäß. Doch hier äußern sich nach akribischen Studien 27 renommierte Experten aus Psychiatrie und Psychologie zum Phänomen des Immobilienmoguls im Weißen Haus. Das macht den besonderen Reiz und Wert dieses dramatischen Sachbuchs aus. Es weist zwar einige Dopplungen in den Beiträgen bzw. Gutachten auf, was jedoch weder Sprengkraft noch Lesbarkeit schmälert. Gut, dass der Verlag sich der Übersetzung annahm.

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Bandy X. Lee (Hg.): Wie gefährlich ist Donald Trump?
A. d. Amerik. v. Irmela Köstlin und Jürgen Schröder. Psychosozial-Verlag, 385 S., geb., 32,90 €.

Die Kommentare der Experten für psychische Gesundheit - Frauen und Männer mit langer Erfahrung - bieten eine Bestandsaufnahme der vom US-Präsidenten ausgehenden Gefahr. Das Buch fußt auf Erträgen einer Konferenz im vergangenen Jahr in Yale. Zuvorderst besticht das Buch durch die Dezenz, mit der die Experten sich dem heiklen Thema einer Stellungnahme zum amtierenden Präsidenten der Weltmacht nähern. Ihnen geht es grad nicht um förmliche Gutachten. Das widerspräche der berufsständischen Regel, wonach Personen des öffentlichen Lebens nicht Gegenstand psychiatrischer, psychologischer und psychoanalytischer Analysen sein dürfen, ohne dass man sie persönlich untersucht hat. Hierzu bekennen sich die Autoren. Sie verweisen aber darauf, dass sich im Fall des 45. Präsidenten, einer Person mit unvergleichlicher Machtfülle, das Schweigegebot hart an einer zweiten Pflicht reibt - zu sprechen, wenn Gefahr für Dritte besteht. Bandy X. Lee, Herausgeberin des Buchs und Professorin für Recht und Psychiatrie an der Yale School of Medicine, sieht im Hinblick auf das Verhalten Trumps im Wahlkampf wie im Amt solch eine Notlage: »Man muss nicht Psychiater sein, um zu merken, dass unser Präsident mental gefährdet ist.«

Das Buch gliedert sich in drei Teile. In Beobachtungen zum »Phänomen Trump«. In das »Dilemma Trump«, die Frage, ob Psychiater Kommentare zur dessen Psyche abgeben dürfen. Und in den »Trump-Effekt«, also die Wirkungen, die der Mann auf die Gesellschaft hatte und noch haben könnte. Hierzu treffen die Fachleute ihre ganz eigenen Urteile zu Trumps Verhalten - und den Verhaltensstörungen. Sie erkennen »pathologischen Narzissmus« und »Größenwahn«, »neurologische Störungen«, »bedrohtes Selbstwertgefühl« und Anzeichen von »Paranoia«. Weithin einig sind sie sich beim Umgang mit Trump in dem, was James Gilligan, klinischer Professor für Psychiatrie und Lehrbeauftragter an der New York University, in seinem Beitrag auf die Formel bringt: Es geht um Gefährlichkeit, nicht um Geisteskrankheit.

Auch Gilligan wägt die diametral entgegengesetzten Berufsverpflichtungen für US-Psychiater, die Goldwater-Regel »Schweigen« von 1973 gegen die Tarassof-Entscheidung »Sprechen« von 1976 ab. Ethisch wie rechtlich steche die zweite die erste aus. Begründung: Sein Berufsstand habe die Verpflichtung, »die Öffentlichkeit zu warnen, wenn wir anhand unserer Forschung mit Bezug auf die gefährlichsten Menschen, die unsere Gesellschaft hervorbringt, Grund zu der Überzeugung haben, dass eine öffentliche Figur aufgrund ihrer Handlungen eine Gefahr für die öffentliche Gesundheit darstellt - gleichgültig, ob sie geisteskrank ist oder nicht.«

Gilligan schlägt nicht als einziger den Bogen zu Hitler und Stalin, Figuren, die für ihren Wahn Millionen auf dem Gewissen haben. Er beklagt, dass es im aufziehenden Nazi-Deutschland einen geistigen Vorläufer der Schweigen gebietenden Goldwater-Regel gab. »Ich habe nicht den Eindruck, dass dem Berufsverband deutscher Psychiater der 1930er Jahre irgendeine Ehre oder ein Verdienst dafür gebührt, dass er während Hitlers Aufstieg zur Macht geschwiegen hat.«

Vielmehr erscheine es heute so, dass der Verband wie die meisten deutschen Geistlichen, Professoren, Richter, Ärzte oder Journalisten damals ihre Meinung nicht sagten, »als sie einen äußerst offensichtlichen Psychopathen sahen, der die Macht erlangte, um ihr Land in die schlimmste Katastrophe seiner Geschichte zu stürzen. Unser gegenwärtiger Präsident muss keine buchstäbliche Wiedergeburt Hitlers sein - und ich lege auch nicht nahe, dass er eine solche ist -, damit dieselben Prinzipien auch für uns heute gelten.« Dies sei umso nötiger, als Trump als mächtigstes Staatsoberhaupt einer »der impulsivsten, arrogantesten, ignorantesten, planlosesten, chaotischsten, nihilistischsten, selbstwidersprüchlichsten, selbstherrlichsten und selbstsüchtigsten« Menschen sei, der seinen Finger an den Auslösern von mehr als tausend der mächtigsten thermonuklearen Waffen der Welt habe.

Noam Chomsky gehört nicht zum Kreis der 27. Doch der Sprachwissenschaftler und Gesellschaftskritiker wurde von der Herausgeberin eingeladen, etwas aus seiner Sicht einzubringen. Chomsky (im Dezember 90) ist sich sicher, auch Trumps Stammwähler würden früher oder später erkennen, »dass die Versprechungen auf Sand gebaut sind.« Was dann passiere, gebe den Ausschlag. Um ihre Popularität zu wahren, werde Trump Sündenböcke nennen. »Und das typische Sündenbock-Denken richtet sich auf verletzliche Menschen: Einwanderer, ›Terroristen‹, Muslime und elitäre Gruppen ... Ich denke, dass wir die Möglichkeit nicht außer Acht lassen sollten, dass es eine Art von inszenierter oder vermeintlicher Terrorattacke geben könnte, die das Land augenblicklich verändern kann.«

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