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  • »Götter des Olymp«

Nichts Menschliches war ihnen fremd

Die »Götter des Olymp« haben sich im Potsdamer Museum Barberini eingefunden

  • Von Ronald Sprafke
  • Lesedauer: 5 Min.

Es war einmal - vor sehr langer Zeit. Da verließen die Götter ihren Palast auf dem Olymp und stiegen zu den Menschen herab. Nach mannigfaltigen Wegen und Umwegen sind sie vom Elbufer an die Havel umgesiedelt und nun in einem neuen Palast angekommen: in das Potsdamer Museum Barberini. Dort sind sie nun zu sehen, die »Götter des Olymp« aus der Dresdner Antikensammlung.

Im großen lichtdurchfluteten Leibachsaal ist fast die gesamte Götterfamilie um den Göttervater Zeus versammelt. In den beiden angrenzenden Sälen werden die zwölf olympischen Götter einzeln vorgestellt. Wandtafeln geben Auskunft über deren Abstammung und Mission, Lebens- und Liebesverhältnissen. Aus der reichen Dresdner Sammlung wurden 45 Exponate ausgewählt: Marmorskulpturen und Statuetten, Köpfe und Reliefs sowie Gefäße aus Ton und Bronze.

Den Grundstock für die Antikensammlung hatte August der Starke, gelegt. Vom Brandenburger Monarchen, Friedrich Wilhelm I., dem Soldatenkönig, hat er rund 50 antike Kunstwerke ergattert. Als 1728 in Rom die Sammlung Chigi und die Sammlung des Kardinals Alessandro Albani zum Verkauf standen, erstand August 194 weitere antike Marmorskulpturen. Damit besaß die Residenzstadt Dresden eine der größten und bedeutendsten Antikensammlungen außerhalb Italiens.

Zunächst im Palais im Großen Garten gezeigt, war sie ab 1786 im Japanischen Palais öffentlich zugänglich. 100 Jahre später zog sie ins Albertinum an der Brühlschen Terrasse um. Die Bombennächte im Februar 1945 überstand die Sammlung relativ gut. Nach dem verheerenden Elbhochwasser 2002 musste das Albertinum saniert werden, acht Jahre darauf wurde es als »Haus der Moderne« mit Kunst von der Romantik bis zur Gegenwart wiedereröffnet. Die Dresdner Antiken sollen, nach Schließung der Potsdamer Ausstellung, dann in der Osthalle des renovierten Semperbaus am Zwinger dauerhafte Aufstellung finden.

Die Menschen der Antike waren vielfältig mit ihren Göttern verbunden, im familiären Alltag wie auf öffentlichen Plätzen, sie waren präsent in allen gesellschaftlichen Bereichen der Polis. Die Götter entschieden über Leben und Tod, Körper und Seele, Krieg und Frieden. Von Kind auf vertrauten die Menschen ihnen, traten per Gebet am Hausaltar oder in Tempeln in Kontakt zu ihnen und brachten ihnen reichlich Opfer dar, um sie bei Laune zu halten.

Die Götter zeichnete nicht nur Unsterblichkeit aus, sondern auch übermenschliche Kraft und Macht. Dennoch, selbst ein solch autoritärer Herrscher wie Zeus, nach dessen Pfeife auf dem Olymp alle anderen tanzen mussten, war nicht uneingeschränkt allmächtig. Manches Unheil konnte er nicht abwenden. Und auch er hatte unter einer eifersüchtigen Ehefrau, Hera, zu leiden, die zugleich seine Schwester war. Die Götter zeigten menschliche Regungen, kannten Liebe und Hass, fühlten Angst und Freude. Sie konnten Freund und Feind der Menschen sein. Nichts Menschliches war ihnen fremd.

Die Bildnisse von Göttern und Göttinnen, von monumentalen Statuen aus Stein oder Erz bis hin zu Miniaturen, wurden verehrt und geachtet. Ihre Berührung verhieß Glück oder Heilung. Die Statuen wurden gesalbt und gewaschen, für Prozessionen bekränzt und bekleidet. Ihnen wurde nachgesagt, sie könnten weinen oder auch bluten, was wir auch von den wundersamen Marienerscheinungen der Neuzeit kennen.

So wie sich im Laufe der Jahrhunderte das Verhältnis der Menschen zu ihren Göttern änderte, wandelte sich auch deren künstlerische Darstellung, wie der Rundgang durch die Ausstellung eindrucksvoll anhand der Entwicklung der antiken Skulptur vom 6. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung bis ins späte 4. Jahrhundert nach Christi Geburt belegt. Der Katalog informiert ausführlicher über die griechische Mythologie, den Wandel im Götterbild in Athen und später in Rom sowie über die Geschichte der Dresdner Antikensammlung.

Der größte Teil der heute bekannten antiken Skulpturen sind keine originalen griechischen Fabrikate, sondern römische Kopien. Als die Römer ihre Eroberungsfeldzüge starteten, schleppten sie zahlreiche Kunstwerke in ihre Heimat, schmückten mit ihnen ihre Villen und Gärten. Bald überstieg die Nachfrage bei weitem das Angebot. So wurde nunmehr griechische Plastik massenhaft kopiert. Damals besonders begehrte Meisterwerke sind daher heute in mehrere Versionen überliefert, so die Athena Lemnia, die jungfräuliche und friedliebende Stadtgöttin Athens, gefertigt vom großen griechischen Bildhauer Phidias, wie auch Aphrodite, die Göttin der Liebe, der Schönheit, der sinnlichen Begierde und eine der zwölf olympischen Gottheiten.

Die Kopisten bemühten sich in ihrem Werk um detailgetreue Wiedergabe der griechischen Vorbilder, wagten aber auch Innovationen. So stützt sich Poseidon, der Gott des Meeres, mit dem rechten Bein mal auf einen Delfin, mal auf einen Meeresfelsen oder einen Schiffsbug. Zu bewundern ist er in der Ausstellung auch als Brunnenfigur, aus dem Maul des beigesellten Delfins sprudelte das Wasser. Venus, die römische Variante der Göttin der Liebe, hält in der linken Hand einen Apfel, Attribut des Paris-Urteils, mit der erhobenen Rechten umfasst sie eine Haarlocke.

Entgegen unseren landläufigen Vorstellungen von der weißen, reinen Marmorstatue waren die antike Bildwerke bunt bemalt. Diese Entdeckung wurde bereits Anfang des 19. Jahrhundert bei Ausgrabungen gemacht. 1884 erklärte Georg Treu, Direktor der Dresdner Skulpturensammlung, das Verdrängen »der Polychromie aus der Plastik« als ein »archäologisches Missverständnis der Renaissancezeit«. Einige der in Potsdam ausgestellten Objekte lassen Reste der einstigen Bemalung erkennen, beispielsweise dunkelbraune Farbreste im Haar und den Augen des Kopfes der Muse Polyhymnia.

Die Mehrheit der im Museum Barberini zu sehenden Skulpturen sind römische Kopien aus dem 1. und 2. Jahrhundert unserer Zeit, einige stammen aus dem späten 4. Jahrhundert, als ein großer Teil der Bevölkerung des römischen Reiches bereits dem Christengott anhing. Die kleinformatige Demeter, Muttergöttin, deren römischer Name Ceres lautete, mag in einer spätantiken Villa gestanden haben. Die schlichte zeichenhafte Formensprache und die weit aufgebohrten Augen sind typische Stilmerkmale der spätantiken Skulptur. Die Göttin ist nicht mehr Kultfigur, sondern als Antiquität von nostalgischem Interesse. Im Gegensatz zum späteren Christentum schätzen die frühen Christen noch die heidnischen Götter als Teil einer großen Vergangenheit, auch wenn diese eigentliche kultische Bedeutung verloren haben. Eine Einstellung, die man bei etlichen heutigen Zeitgenossen, Bilderstürmern jeglicher Couleur, vermisst.

Bis 17. Februar im Museum Barberini, Alter Markt Potsdam, Mo., Mi. bis So.10 - 19 Uhr, Di. geschlossen; Katalog (Prestel, 96 S., geb., 14,90 €).

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