Radaulustige Weiber?

Dania Alasti würdigt die Frauen der deutschen Revolution von 1918/19

Die Novemberrevolution scheint auch in der linken Geschichtsschreibung eine Männersache gewesen zu sein. Sozialistinnen wie Rosa Luxemburg und Clara Zetkin sind die berühmten Ausnahmen von der Regel. Doch in diesem Jubiläumsjahr wurde daran erinnert, dass mit der Novemberrevolution auch das Frauenwahlrecht in Deutschland eingeführt wurde. Es gab einen Staatsakt und eine Gedenkstunde im Deutschen Bundestag. Zitiert wurde vor allem immer wieder die Ansprache der Sozialdemokratin Marie Juchacz im ersten frei gewählten deutschen Parlament.

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Dania Alasti: Frauen der Novemberrevolution. Kontinuitäten des Vergessens.
Unrast, 128 S., br., 12,80 €.

Für die in Berlin lebende Philosophiedoktorandin Dania Alasti war die endlich aufgeflammte Diskussion Anlass, sich mit der Frage zu befassen, warum die Frauen in der bisherigen Publizistik und Historiografie eine so geringe Rolle spielten und wie es um ihren Anteil am Ausbruch und an der Verteidigung der Novemberrevolution wirklich stand.

Schon Clara Zetkin betonte unmittelbar nach dem Sieg der Konterrevolution: »Proletarische Frauen haben die erste Schlacht der Revolution gegen Monarchie, Junkerherrschaft und Militarismus geschlagen.« Die Sozialistin verwies auf die in den Jahren 1915 bis 1918 maßgeblich von Frauen getragenen Demonstrationen und Streiks für Frieden und Brot, die in der Geschichtsschreibung oft kaum erwähnt wurden. Man musste den Eindruck gewinnen, dass über Jahrzehnte in Deutschland das Verdikt des Bezirksamts Altötting galt, das am 21. September 1918 machtvolle Frauendemonstrationen gegen Krieg und Verelendung als »Gebaren radaulustiger Weiber« verunglimpfte.

Dania Alasti beschreibt die enormen Verschlechterungen der Lebensverhältnisse gerade auch für Frauen bereits kurz nach der Entfesselung des Ersten Weltkrieges. Die Essensrationen wurden gekürzt, Grundnahrungsmittel wie Brot und Butter wurden immer mehr zu Luxusgütern. So entzündeten sich Unruhen oft an den Orten, wo die Frauen nach Lebensmitteln anstanden und wieder mal leer ausgingen. Zudem mussten sie die eingezogenen Männer in den Fabriken ersetzen, wo die Arbeitszeiten erhöht und die sowieso schon minimalen Rechte, die sich die Arbeiter*innen erkämpft hatten, massiv eingeschränkt wurden.

Die Autorin schildert, wie die Frauen an Selbstbewusstsein gewannen, während sie die abwesenden Männer ersetzen mussten. Sie protestierten nicht nur gegen die Hungerrationen und die weitere Verschlechterung der Arbeitsbedingungen. Frauen organisierten auch Proteste gegen das Auftreten von extrem nationalistischen und militaristischen Verbänden und Organisationen. So störten sie am 8. Januar 1918 in Jena eine Versammlung der rechtsradikalen Vaterlandspartei.

Die Autorin verschweigt nicht, dass große Teile der bürgerlichen Frauenbewegung die Kriegsziele der kaiserlichen Regierung unterstützten - nur ein kleiner linker Flügel kritisierte die Kriegspolitik aus pazifistischen Motiven. Von Anfang lehnte die proletarische Frauenbewegung, für die Clara Zetkin, Luise Zietz und Toni Sender standen, Aggression und Annektionen ab.

Dania Alasti berichtet, wie es seit 1917 durch die gemeinsame Ablehnung des Krieges zu einer Annäherung zwischen linksliberalen Frauen und dem antimilitaristischen Teil der Arbeiter*innenbewegung kam, die auch nach der Novemberrevolution Bestand hatte. Ausführlich zitiert sie aus den Erinnerungen von Lida Gustava Heymann, die mit ihrer Lebensgefährtin Anita Augspurg aus feministisch-pazifistischen Gründen gegen Krieg und Militarismus kämpfte. Beide waren zudem überzeugte Sozialistinnen, schlossen sich jedoch keiner Partei an.

Wurden einerseits die Proteste von Frauen schon vor 100 Jahren abgewertet, sprach man ihnen Ernsthaftigkeit im politischen Engagement ab, so erlitten andererseits Frauen besonders harte Bestrafung, die sich an den revolutionären Kämpfen beteiligten oder die Beziehungen mit ausländischen Kriegsgefangenen eingingen, wie Dania Alasti am Beispiel mehrerer oberschlesischer Städte zeigt. Frauen wurden dort nackt und kahlgeschoren durch die Straßen gejagt. Hier probte man bereits, was unter dem Naziterror intensiviert wurde.

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