Plädoyer gegen linke Arroganz

Jan Korte will die lähmenden Debatten in seiner Partei und in der Linken darüber hinaus beenden

  • Von Uwe Kalbe
  • Lesedauer: 4 Min.

»Eigentlich müssten wir bei 15 Prozent liegen«, meint Jan Korte mit Blick auf die Umfragewerte der SPD. »Und das könnten wir auch schaffen.« Dass die Linke trotz anhaltendem Tief der Sozialdemokraten in den Umfragen nicht recht vom Fleck kommt, erklärt sich der Linkspolitiker auch mit Defiziten der Linken. Damit meint er nicht nur die eigene Partei, sondern die Linke insgesamt. In seinem Buch »Die Verantwortung der Linken« erinnert er an den Niedergang großer linker Parteien wie in Frankreich oder Italien und an Debatten, die nicht auf Deutschland begrenzt sind.

Dass auch die Linke Leidtragende der Politik der rot-grünen Koalition zu Beginn der 2000er Jahre ist, obwohl sie sich gerade in Opposition zu dieser Politik gegründet hat, ist ein interessanter Gedanke. Und nicht so fern. Korte erinnert unter Berufung auf die Thesen der US-amerikanischen Soziologin Nancy Fraser daran, dass die Agenda 2010 und der Rückbau des Sozialstaates samt der Folgen für das Leben der kleinen Leute begleitet war von Maßnahmen derselben rot-grünen Koalition für eine fortschrittliche Modernisierung der Gesellschaft, indem diese etwa Minderheitenrechte stärkte.

Dies scheint nicht zusammenzupassen, und in den Debatten passt es auch nicht. In der Linkspartei, aber auch linken Kreisen über die Partei hinaus haben beide Aspekte zu Polarisierung bis hin zu gegenseitiger Bekämpfung geführt. Die einen fokussierten sich auf die lohnabhängig Beschäftigten und der aus dem Arbeitsleben Ausgeschlossenen, die anderen auf die urbanen, akademischen Milieus, stellt Korte fest. »Dass beides zusammengebracht werden kann, hört man selten oder lediglich als Floskel.«

Dies aber fordert Korte nun unbedingt, und die Frage ist, ob dies die Versöhnung der inhaltlichen Dissonanzen verspricht. Korte plädiert dafür, dies in ausgleichender Gerechtigkeit zu tun, und er argumentiert ungeduldig und zuweilen emotional. Auch er selbst hat bereits Bekanntschaft mit den ausschließenden und teils diffamierenden Debatten gemacht, wie er einräumt. »Ich habe 2018 einen Artikel mit der Überschrift ›Niemals herabblicken‹ auf der Website der Rosa-Luxemburg-Stiftung veröffentlicht. Es gab viel Zuspruch, doch auch viel Ablehnung. Was gut war, weil es eine Debatte auslöste. Erschreckend war, dass ein Teil der Linken sich den sozialen Fragen überhaupt nicht mehr nähern wollte. Meine Thesen stießen auf massive Ablehnung, ja, man warf mir vor, ich würde einem rechten Zeitgeist hinterherrennen.«

Korte spricht sich für eine »kräftige Dosis Retraditionalisierung« aus. Sein Drängen zur Versöhnung führt aber immer wieder zu diplomatischen Gesten. »Dies auszusprechen schmälert in keiner Weise den Wert all der Kämpfe und des bewundernswerten Engagements so vieler Aktivistinnen und Aktivisten, denen ich mich in vielerlei Hinsicht zugehörig fühle. Trotzdem kommen wir nicht darum herum, über diese Fragen nachzudenken und zu beginnen, darüber progressiv zu streiten - und zwar ohne die elendigen Debatten über Haupt- und Nebenwidersprüche, ohne Unterstellungen, man bediene einen rechten Zeitgeist oder andersherum, man schlürfe den ganzen Tag nur Latte macchiato in teuren Cafés und trage keinen Funken Solidarität in sich.«

Korte trägt jede Menge Solidarität in sich und den rechten Zeitgeist bekämpft er so glaubwürdig, dass niemand an der Redlichkeit seiner Absichten zweifeln würde. Er tut das, was ein SPD-Vorsitzender einmal von seiner Partei forderte, »raus ins Leben« zu gehen, »da, wo es laut ist; da, wo es brodelt; da wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt.« Korte argumentiert emotional, er schreibt quasi mit hochgekrempelten Ärmeln, und was er schreibt, klingt authentisch nach Jan Korte. So, wie er ganz sicher auch klingt, wenn er sich in seinem Wahlkreis auf einen Marktplatz stellt, was er regelmäßig tut. Um seinen Wählern nahe zu bleiben; eine offenbar verinnerlichte Regel zur Selbstdisziplinierung.

In Osnabrück geboren, hat der 43-Jährige seinen Wahlkreis inzwischen im Anhaltischen. »Nach einer Sitzungswoche in Berlin-Mitte auf dem Marktplatz in Bitterfeld-Wolfen oder Staßfurt zu stehen und Leute zu treffen, die ganz existenzielle Ängste haben, die Angst vor der Zukunft haben, ist eine ganz entscheidende Erfahrung, die einen daran erinnert, wozu Linke dringend gebraucht werden.« Und als entscheidenden Satz, als »Kern seines Buches« nennt er diesen: »Niemals herabblicken.«

Man möchte, dass er recht haben möge, wenn er schreibt: »Die Themen der sogenannten neuen Linken, also Emanzipation und Identitätspolitik, waren und sind genauso wichtig wie ökonomische Fragen. Es darf kein Wichtiger oder Weniger-wichtig geben.« Doch hat er recht? Noch ist die Frage nicht ausdiskutiert, ob die Linke, um sich zu behaupten, alles Gute gleichermaßen wichtig nehmen muss. Ob etwa der Kampf gegen Rechts ihr Wesen ist. Oder ob sie nicht eine linke Analyse des Wesens der Gesellschaft benötigt, in die sie gestellt ist. Und ob dieses Wesen sich tatsächlich in allen linken Leidenschaften abbildet, Ökonomie und Identität und Humanität und Gerechtigkeit und wer weiß, was noch. Oder ob nicht doch alles eine gemeinsame wissenschaftliche Begründung hat.

Jan Korte: Die Verantwortung der Linken. Verbrecher Verlag, Berlin 2020, 16,00 Euro, 140 Seiten

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