Tödliche Eskalation

Vor einem Jahr wurde im nordirischen Derry die Journalistin Lyra McKee erschossen

  • Dieter Reinisch, Belfast
  • Lesedauer: 4 Min.

Als die Bewohner der Stadtteile Bogside und Creggan im nordirischen Derry am Ostermontag ihre Häuser verließen, fanden sie an Wänden frisch geklebte Plakate mit einfacher schwarzer Schrift. Wie mit einer Schreibmaschine getippt stand darauf: »Irische Republikanische Armee (IRA) Osterstellungnahme 2020«. Der zugehörige Text war unterzeichnet mit »T. O’Neill«.

T. O’Neill ist das Pseudonym der Neuen IRA, einer 2012 entstandenen republikanischen Untergrundorganisation. Ihre Stellungnahme war dem 104. Jahrestag des Dubliner Aufstandes gewidmet. Dieser wurde von Vorläufern der IRA durchgeführt, und er bahnte für einen großen Teil der Insel den Weg zu einem unabhängigen Irland. Die Neue IRA bekräftigt auch im Jahr 2020: »Das britische Establishment versteht nur eine Sprache, die des bewaffneten Kampfes.« Die Erklärung wird üblicherweise vor Denkmälern für gefallene Unabhängigkeitskämpfer verlesen. Doch aufgrund des Coronavirus wurden alle Veranstaltungen abgesagt.

So kam es in diesem Jahr auch nicht zu den sonst üblichen Ausschreitungen. Im vergangenen befand ich mich am Gründonnerstag noch in Belfast. Ich hatte geplant, am Ostermontag nach Derry zu fahren. Am späten Nachmittag erreichte mich von dort die Nachricht, dass die Polizei Häuser durchsuche. Frühmorgendliche Durchsuchungen sind in Nordirland an der Tagesordnung, zu dieser Uhrzeit aber unüblich. Nach Einbruch der Dunkelheit folgten neue Informationen. Vermummte hätten zwei Fahrzeuge als Barrikaden platziert: »Protestierende werfen Brandsätze auf die Polizei.«

Die Polizei ist in Creggan unbeliebt. Von vielen Bewohnern wird sie als Instrument der britischen Herrschaft gesehen. In die irisch-katholischen Stadtviertel kommt sie nur, um Häuser zu durchsuchen und Aktivisten zu verhaften. Akzeptanz in der Bevölkerung findet hingegen die Neue IRA, die auch gegen Kriminelle vorgeht. Ihr politischer Arm, die linksradikale Partei Saoradh, hat im Stadtzentrum ein Büro.

Für den Ostermontag 2019 hatte Saoradh einen Marsch angekündigt. Zwei Jahre zuvor hatte ich eine solche Kundgebung in Derry mit 2000 Teilnehmern erlebt. Darunter waren auch uniformierte und maskierte Republikaner. Im vergangenen Jahr hatte die Polizei angekündigt, solche Auftritte zu unterbinden.

An den Tagen vor Ostern waren die wechselseitigen Drohungen von Polizei und Republikanern lauter geworden. Auf ein durch Creggan fahrendes Polizeiauto war ein Brandsatz geworfen worden. Weitere Ausschreitungen lagen in der Luft. Saoradh erklärte, die Republikaner würden keine weitere Polizeipräsenz dulden.

Am Gründonnerstag rückten Dutzende gepanzerte Polizeifahrzeuge in Creggan ein. Offensichtlich zielte die Aktion darauf, Ausschreitungen zu provozieren und als Anlass für Verhaftungen zu nehmen. Die Durchführung der Kundgebung am Montag sollte so verhindert werden.

Der Gegenseite kam die Eskalation ebenfalls gelegen. In Derry befand sich gerade ein MTV-Team, um eine Reportage über republikanische Jugendliche zu drehen. Randale liefern gutes Bildmaterial: Saoradh versprach das die Aufmerksamkeit internationaler Medien.

Eine weitere Nachricht traf bei mir ein: »Schüsse abgefeuert - jemand getroffen!« Verwirrende Berichte folgten. Mal hieß es, die Polizei hätte einen Journalisten getroffen, mal, die IRA einen Polizisten. Dann, ein IRA-Mitglied sei tot. Nach und nach klärte sich auf, was geschehen war. Kurz vor 23 Uhr waren zwei Personen aus einer Seitenstraße aufgetaucht und hatten auf die Polizei geschossen. Ihre Schüsse trafen eine Zivilistin, die hinter den Polizeiautos stand und die Situation beobachtete. Am Hals verwundet, starb Lyra McKee auf dem Weg ins Krankenhaus.

Die Journalistin McKee wurde nur 29 Jahre alt. Erst wenige Wochen vor ihrem Tod war sie zu ihrer Lebensgefährtin nach Derry gezogen. Aufgewachsen war McKee im nationalistischen Bezirk Ardoyne im Norden von Belfast. Ihre Reportagen, einige preisgekrönt, berichten von einer verlorenen Generation ohne soziale Perspektive. 2016 hatte sie das »Forbes Magazine« als eine von »30 unter 30 der Medienbranche« hervorgehoben.

Die Neue IRA bekannte sich zu dem Anschlag. Öffentlich entschuldigte sie sich bei McKees Familie. Die Kundgebung in Derry am Ostermontag wurde abgesagt. Doch bereits am Samstag marschierten Hunderte Saoradh-Unterstützer durch Dublin. An ihrer Spitze etwa 30 Frauen und Männer in republikanischen Uniformen. In den Wochen nach McKees Tod wurde der Vorfall politisch instrumentalisiert. Dublin und London versprachen Finanzspritzen, um die Armut in Derry zu lindern. Doch von dem Geld gelangte nichts in die Arbeiterviertel Creggan und Bogside.

Wer gehofft hatte, die Neue IRA würde an solchen Orten an Unterstützung verlieren, wurde enttäuscht. Hier bieten radikale Republikaner wie sie gerade Jugendlichen so etwas wie eine Perspektive, während es an Arbeit und Ausbildung weiter fehlt. Diejenigen, die sich der neuen IRA anschließen, sind sogenannte »Waffenstillstandsbabys«, wie McKee sie beschrieb. Der Brandherd schwelt weiter: 2019 wurden in Nordirland von Paramilitärs eine weitere Person getötet und 75 verletzt. Weiter zählte die Polizei 15 Bombenanschläge und 147 Verhaftungen. Dass es in Derry an diesem Osterwochenende erstmals nicht zu Ausschreitungen kam, ist nicht der Politik zu verdanken, sondern einer globalen Pandemie.

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