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Lässige Schweden bald immun?

Region Stockholm könnte bereits im Mai die Corona-Epidemie hinter sich lassen

  • Von Birthe Berghöfer
  • Lesedauer: 3 Min.

Schweden geht bei der Bekämpfung des Coronavirus bekanntlich seinen eigenen Weg. Statt auf Ausgangsbeschränkungen und Kontaktverbote setzt die Regierung bisher auf Empfehlungen und ein eher liberales Krisenmanagement. So sind Veranstaltungen von mehr als 50 Personen verboten, für Altenheime gilt Besuchsverbot und Oberschulen und Universitäten lehren digital. Ansonsten wird empfohlen, Kontakte zu vermeiden, im Homeoffice zu arbeiten und bei geringsten Krankheitsanzeichen zu Hause zu bleiben.

Ein Blick auf die Zahlen scheint die vielfache Kritik an der schwedischen Praxis zunächst zu bestätigen: Am Donnerstag gab Schwedens Gesundheitsbehörde 16 755 Infizierte und 2 021 Verstorbene an. Im Verhältnis zur Bevölkerung liegt man damit etwa um das Dreifache über dem deutschen Wert. Besonders betroffen sind die Großstadtregionen, allen voran die schwedische Hauptstadt. Erst vor gut einer Woche hatten 22 Forscher und Ärzte den schwedischen Weg kritisiert: Man steuere auf eine Katastrophe zu, die Regierung müsse schnelle und radikale Maßnahmen treffen. Allerdings blieb ihre Argumentation, als Offener Brief in der Tageszeitung »Dagens Nyheter« erschienen, nicht unwidersprochen. Es ging um Rechenfehler, außerdem stimmte die dort genannte Zahl der Toten nicht mit den offiziellen schwedischen Zahlen überein.

In der Region Stockholm sind vor allem die Vororte mit oft hohem Migrationsanteil betroffen. So sind in Rinkeby und Kista besonders Menschen aus Somalia, Syrien und dem Irak an Covid-19 erkrankt. »Viele leben auf engem Raum und es können gleich mehrere Generationen in derselben Wohnung leben«, berichtet Jihan Mohamed, Vorsitzender des Schwedisch-Somalischen Ärztevereins, dem Nachrichtensender SVT. »Gleichzeitig wissen wir, dass die allgemeine Gesundheit in diesen Gegenden meist schlechter ist.« Auch ist es nicht gelungen, die Verbreitung in Altenheimen zu vermeiden. Von dort werden hohe Infektions- und Todeszahlen gemeldet.

Doch bereits im Mai könnte die Ausbreitung des Coronavirus in der Region Stockholm mit dem Erreichen der sogenannten Herdenimmunität unter Kontrolle sein. Entsprechende Prognosen bestätigte nun Chefepidemiologe Anders Tegnell. Es wird geschätzt, dass sich bereits rund 30 Prozent der Stockholmer Bevölkerung mit dem neuartigen Coronavirus infiziert haben. Das Gute daran: 50 bis 60 Prozent bedeuten einen hohen indirekten Schutz vor Ansteckung für all jene, die bisher nicht erkrankt sind. Denn immune Menschen verbreiten das Virus nicht weiter.

Die Annahme, in der Region Stockholm könnte dies bald erreicht sein, stützt sich auf ein Modell der Gesundheitsbehörde, das unter anderem mit Mathematikern entwickeln wurde. Demnach habe man dort bereits am 15. April den Höhepunkt an Neuinfektionen erreicht. Bei der Inkubationszeit von drei bis 15 Tagen ist mit einer Immunität dieser Menschen Mitte oder Ende Mai zu rechnen. Das schnelle Erreichen der Herdenimmunität sei nicht die Strategie, erklärt die Gesundheitsbehörde immer wieder. Vielmehr geht es auch in Schweden darum, die Ausbreitung der Krankheit zu verlangsamen und das Gesundheitssystem nicht zu überlasten. Epidemiologe Tegnell räumt aber ein: »Ich denke, alle Länder hoffen auf eine Herdenimmunität, das ist das einzige, was die Ausbreitung derzeit stoppen kann.«

Das schwedische Experiment halten viele für gewagt. Doch: »Wir glauben, wir erreichen mit Freiwilligkeit genauso viel, wie andere Länder mit Restriktionen«, sagte Tegnell am Montag. Coronamaßnahmen, so der Experte, müssten über einen längeren Zeitraum realisierbar sein. Kontaktbeschränkungen wie in Deutschland und erst recht Ausgangssperren wie in Italien sind dies nicht. Für Schweden muss sich die günstige Prognose erst noch bestätigen: »Die Gefahr ist noch lange nicht vorüber«, mahnte nun Schwedens Premier Stefan Löfven.

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