Wie heben wir die Welt aus den Angeln?

HEISSE ZEITEN: Tadzio Müller über Klimakrise und Hebelwirkungen in der Corona- und Nach-Corona-Welt

  • Von Tadzio Müller
  • Lesedauer: 3 Min.

Ein Dienstag morgen im Mai, Vorgespräch für ein Webinar zu Klimagerechtigkeit, Klimabewegung und Klimastrategie für ein Umweltbildungszentrum in Marzahn. Die erste Doppelfrage der Organisatorin ist sowohl die schwierigste als auch die wichtigste: Haben die Corona-Lockdown-Maßnahmen eigentlich eure Bewegung nachhaltig geschwächt? Und ist der Lockdown nicht trotzdem gut fürs Klima?

Natürlich wird unsere Bewegung durch die Lockdown-Maßnahmen geschwächt. So held*innenhaft viele soziale Bewegungen dagegen ankämpfen - durch alternative Demo-Formate, digitalen Aktivismus und ganz neue Formen sozialer Bewegung - so klar ist doch auch, dass die drei zentralen Hebel, über die Bewegungen üblicherweise die Welt verändern, derzeit blockiert sind. Erstens sind öffentliche Diskurse zurzeit derart von Corona und den alltäglichen Veränderungen und Herausforderungen geprägt, dass kein anderes Thema dauerhaft gesetzt werden kann, egal, wie trocken der April war. Zweitens sind Massenversammlungen auf der Straße, bisher der zentrale Hebel von »Fridays for Future«, nicht möglich. Drittens sind Massenaktionen mit vielen fremden Körpern zusammen in den Wäldern und Gruben, bisher der zentrale Hebel des ungehorsamen Flügels der Bewegung, ebenfalls nicht möglich. Ohne Hebel keine Veränderung, ergo: wir sind deutlich geschwächt, weil in unserer Handlungsfähigkeit enorm eingeschränkt.

Das wäre fürs Klima tatsächlich ein ziemliches Desaster, waren es doch bisher hierzulande fast ausschließlich soziale Bewegungen, die den Klimaschutz wirklich vorangebracht haben. Wenn da nicht der Corona-Lockdown selbst wäre, der wiederum auch unseren Gegner, die auf unendliches Wachstum auf einem endlichen Planeten ausgelegte kapitalistische Maschine heruntergefahren hat. Anders ausgedrückt: Die andere, die »Gegenseite«, hat in den vergangenen Wochen und Monaten genau das getan, was wir seit Jahren versuchen - nämlich die großen Verschmutzungssektoren (Kohle, Öl, Luftfahrt, Autos) herunterzufahren und auch dort zu halten. Selbst ausgeprägte Bewegungsromantiker, wie ich einer bin, müssen an diesem Punkt feststellen, dass Regierungshandeln ein effektiverer Hebel ist, um gesamte Sektoren, um die globale kapitalistische Maschine herunterzufahren. Also dann doch erst mal kein Desaster für das Klima, sondern: Der Corona-Lockdown ist das real-existierende Postwachstum.

Nun warnen aber schon viele, sich nicht an die sauberere Luft, die gesunkenen Emissionen, an die Verwüstungen in den großen Verschmutzungssektoren zu gewöhnen, denn a) werde ohnehin bald alles wieder hochgefahren und b) seien die Emissionsreduktionen nicht nachhaltig.

Zum ersten Punkt: Hier sitzen viele Linke ihrem Steuerungsoptimismus auf, einem übertriebenen Vertrauen in die Steuerungsfähigkeiten des Staates. Wenn ein komplexer Wirtschaftssektor mit global integrierten Just-in-Time-Produktionsketten erst einmal ein paar Monate darnieder lag, lässt er sich nicht einfach so wieder hochfahren, ohne dass ein paar Elemente der Kette zerbrechen. Wirtschaftssektoren gleichen in dieser Hinsicht eher Ökosystemen als Computerprogrammen. Den Denkfehler begehen wir auch oft in Debatten über Transitionen/Übergänge in dreckigen Industrien. Kurz: Nach dem Lockdown (und einer eventuellen zweiten Coronawelle) Wirtschaftssektoren wieder hochzufahren wird, nun ja, eben nicht so einfach werden.

Zum zweiten: Es stimmt, der Druck auf allen politischen Ebenen, zuerst den Lockdown in den wichtigen wirtschaftlichen Sektoren zu beenden, um Himmels Willen das Wachstum anzukurbeln und das Bruttosozialprodukt zu steigern, wird enorm sein. Und genau das zeigt zumindest aus meiner Sicht eine strategische Perspektive für die Klimabewegung: Wenn es die andere Seite ist, die das Herunterfahren so viel besser kann als wir (um den beliebten Slogan etwas zu verändern: Who shuts shit down? THEY shut shit down!) - was kann denn dann noch unsere Rolle sein?

Ganz einfach: Wir müssen jetzt unsere Strategien darauf einstellen, in das Wiederhochfahren der Sektoren einzugreifen, die das Klima zerstören und für Klimaungerechtigkeit sorgen und - siehe Automafia - das politische System hierzulande korrumpieren. Wer wieder vermehrt Inlandsflüge, Kohlebagger und Autofabriken an den Start bringen will, muss wissen, dass er es mit einer mächtigen Bewegung aufnimmt, die schon in den Startlöchern sitzt. Dann klappt es auch mit dem »echten« Postwachstum.

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